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Kulturstiftung des Bundes
 

Zlín – die erfüllte Moderne

Von Regina Bittner

Zlín hat mit der Schuhproduktion auch seine Eindeutigkeit verloren.
Das ist kein Nachteil. Die im Raster von 6,15 x 6,15 m gebauten Fabrikhallen stehen nicht leer, sondern sind mit vielen kleinen Firmen gefüllt, vom Maschinenbau bis zur Gummi- und Kunststoffindustrie. Zlín trägt seit den 1990er-Jahren den Titel „Unternehmerstadt“, was auf den Erfolg einiger hier ansässiger Firmen verweist, denen es in der Zeit der gesellschaftlichen Transformation gelang, auf den Weltmarkt vorzudringen. Die großzügige Stadtplanung von František Lydie Gahura bietet ausreichend Raum für die inzwischen mobil gewordenen Städter: Unternehmer, Dienstleister und Studenten der neuen Thomas-Baťa-Universität. Die „City of functionalism“ ist zweifellos ein wichtiges Erbe, und doch strebt die Stadt nicht Musealisierung, sondern Neunutzung an. Eine Bewerbung für den UNESCO-Welterbestatus hat man deshalb verworfen: Zu restriktiv wären dann die Möglichkeiten der Stadtentwicklung. Auch von der „Stadt im Garten“ ist in Werbematerialien die Rede, schließlich gibt es die südmährischen Wälder und viele Häuschen im Grünen.
Was Zlín ist und was es sein möchte, ist heute unklarer, als es in der Geschichte der Stadt je der Fall war. Ist aus dem Hort der Schuhproduktion, aus dem der „tschechische Ford“ Tomáš Baťa in kürzester Zeit eine moderne Idealstadt machen wollte, nun doch noch eine zeitgenössische Stadt geworden?

Zlín: „City of functionalism“ – In kaum einer anderen Stadt im Europa der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts sind Stadt und Fabrik, Ort und Unternehmen eine solche Symbiose eingegangen. Zlín ist zweifellos eine Musterstadt des Fordismus. Die Expansion des Unternehmens Baťa forcierte die massive Zuwanderung von Arbeitskräften aus den ländlichen Gebieten. Unternehmenseigene Arbeiter- und Angestelltenwohnsiedlungen wurden in der Bauabteilung entwickelt, die vor allem durch ein durchgängiges Grundmodell geprägt sind: 6,15 x 6,15 m große, helle und in ihrer Struktur sichtbare Stahlbetonskelette, rote Ziegelstein- Ausfachungen und bandförmige Glasfronten. Die zunächst lediglich im Industriebau genutzte Bautechnologie fand später auch in Internaten, Schulen, Krankenhäusern und dem Firmenkaufhaus Anwendung. Die intensive Bautätigkeit des Unternehmens hat Zlín in den 1920er-Jahren in eine moderne, funktionale Stadt verwandelt. War die anfängliche Entwicklung zunächst von eher ökonomischen Prämissen bestimmt, so wurde die architektonische Moderne bald bewusst in die Firmenphilosophie integriert. Aber wenn man sich heute wundert, warum Zlín in den einschlägigen Publikationen zur tschechoslowakischen Moderne kaum Erwähnung findet, so hat das vor allem mit der Tatsache zu tun, dass der Besitzer des größten Unternehmens des Landes sich die Visionen der linken Architekten aneignete und in die Realität umsetzte, während viele der Massenwohnungsbauprojekte der tschechischen Avantgarde unrealisiert blieben. „Die Stadt“, so zitiert die Soziologin Annett Steinführer den Architekturhistoriker Jan Sedlák, „war gewissermaßen ein ‚der linken Avantgarde entgegengeworfener Handschuh‘“. Rationalisierung und Standardisierung des Bauens sollten zu einer neuen Kultur des Wohnens führen. Das betraf zum einen die sektorenhafte Trennung von Grundfunktionen der Stadt in Arbeiten, Wohnen und Freizeit. Zum Zweiten wurden die Strukturprinzipien der industriellen Produktion konsequent in der Organisation und Gestaltung des Raumes angewandt. Der Technik wurde dabei eine egalisierende Macht zugesprochen, die sich in der Gleichheit der nach ihren Regeln gestalteten Räume wiederfinden sollte. Der solchermaßen enthierarchisierte und objektivierte Raum zielte auf eine egalitäre Gesellschaft, eine Gesellschaft, die sich in Struktur und Organisation von der bürgerlichen strikt unterschied. Viele der linken Architektur- und Siedlungsentwürfe in Europa verfolgten das Konzept der Auflösung des geschlossenen Baukörpers und dessen Behandlung als Element einer Produktions- und Montagekette. Die Übertragung der Prinzipien der industriellen Produktion auf den Stadtraum sollte auch hier zu einer Unabgeschlossenheit und Offenheit führen, wie sie dem Modernisierungsprozess generell zugeschrieben wurde. Aber schon die Bauten des Bauhauses, die Siedlungen Bruno Tauts oder des Neuen Frankfurt sind nicht so eindeutig in Bezug auf ihre ideologische Ausrichtung: „Die neue Architektur“, schreibt Alexander Schwab, „hat ein doppeltes Gesicht: sie ist sowohl bürgerlich als auch proletarisch, kapitalistisch und sozialistisch. Man könnte sogar sagen beides: autokratisch und demokratisch.“ Tomáš Baťas Zlín ist wohl eines der faszinierendsten Beispiele der Ambivalenz der architektonischen Moderne: Es steht im Spannungsfeld zwischen den auf Technik und Industrie setzenden Reformbewegungen und den totalitären technokratischen Fantasien, die von einer blockförmigen Masse ausgingen, welche es beliebig zu formen galt. In Zlín sind die Widersprüche der Moderne verräumlicht.

„Zlín, die Stadt im Garten“ ist der Titel einer Werbebroschüre der Stadtverwaltung von 2005. Die Stadt will damit nicht nur die landschaftliche Qualität der Umgebung herausstellen. Vielmehr sind in Zlín viele Ideen der europäischen Gartenstadtbewegung verwirklicht. Kerngedanke der Gartenstadt Ebenezer Howards war die Lösung städtischer Probleme wie Überbevölkerung, Luftverschmutzung und mangelnde Hygiene durch den Import ländlicher Lebensweise in die Stadt. In der Firmenphilosophie des Unternehmens finden sich viele Bezüge zum Gartenstadtkonzept: Der Architekt Gahura legte 1925 sein Projekt eines Industriegeländes mit dem Titel „Fabrik im Grünen“
vor. Der Bürgermeister Baťa kommentierte die öffentliche Präsentation dieser Planung so: „Der freie Bürger braucht zu seiner Entwicklung Raum. Deshalb bauen wir unsere neuen Wohnhäuser großzügig und nach allen Seiten hin offen. Deshalb wollen wir eine Garten stadt.“ Insbesondere in den Wohnbauten für die Arbeiter und Angestellten lässt sich der Bezug zu diesem Reformkonzept nachvollziehen. Die einzeln stehenden roten Ziegelwürfel im Grünen waren bewusst gegen das moderne Hochhaus gesetzt: Diese Strategie folgte der Losung „Kollektiv arbeiten, individuell wohnen“. Die Gartenstadt hat jedoch noch eine weitere Dimension: Zlíns Boom in den 1920er-Jahren beruhte auf dem Zuzug einer zum Großteil aus ländlichen Gebieten stammenden Bevölkerung. Zlín ist mit neuen Stadtentwicklungen im östlichen Europa vergleichbar: Der enge Zusammenhang zwischen Industrialisierung und Urbanisierung brachte eine Bevölkerung hervor, die wenig mit dem städtischen Industrieproletariat gemeinsam hatte. Neue Städte sind mit dem Terminus „Underurbanization“ (Iván Szelényi) beschrieben worden. Das bezog sich auf die Tatsache, dass hier zwar eine Verstädterung stattfand, sich dabei aber weder eine angemessene Funktionsvielfalt noch urbane Qualitäten ausbilden konnten. Auch gewerkschaftliche Interessenvertretung und urbane Differenzerfahrung war den meisten Neu-Zlínern fremd: ein idealer Nährboden für durchdringende Wirksamkeit des Systems Baťa. Die Gleichschaltung von Stadt und Unternehmen getragen vom Geist der Gemeinschaft, die ihren Höhepunkt mit der Wahl Tomáš Baťas zum Bürgermeister erreichte, konnte nur im Kontext der Abgeschiedenheit von den großen Metropolen gelingen. Insofern hat das Erbe der „Stadt im Garten“ eine antiurbane Dimension.

Wenn Zlín heute gerne mit dem Image der Unternehmerstadt argumentiert, so gewinnt man den Eindruck, Tomáš Baťas Ideen seien zu neuem Leben erweckt worden. „Die Stadt der Mitarbeit“ umschrieb ein System der Förderung von Verantwortung und Selbstinitiative der Beschäftigten. Selbst ein „Selfmademan“ mit einer Karriere vom Schuhmacher ohne akademische Ausbildung zum erfolgreichsten Fabrikanten der Tschechoslowakei, versuchte er seine Beschäftigten durch Selbstverwaltung und Beteiligung zu motivieren. „Ich kam, um mit Euch zu arbeiten, nicht im eigenen Interesse, sondern um Eures Fortschritts willen“, heißt es in einer Ansprache an die Angestellten der Werkstätten Nr. 143 im Dezember 1926. Angesichts hoher Löhne, Sozialleistungen und Bildungsprogramme für die Beschäftigten verloren die linken Kritiken, die die außergewöhnliche Arbeitsbelastung in Zlín anprangerten, ihre Glaubwürdigkeit. Beim Lesen der Schriften Baťas gewinnt man den Eindruck, dass Modelle flexibler Arbeitsorganisation und „subjektiver Modernisierung“ der Arbeitswelt, wie sie heute im Kontext postfordistischer Unternehmensstrategien praktiziert werden, hier eine frühe Anwendung gefunden haben: Selbststeuerungs- und Teamfähigkeit sowie Problemlösungskompetenz sind Eigenschaften, die Baťas Erben in Zlín zu erfolgreichen Unternehmern in einem Eigeninitiative und Risikobereitschaft belohnenden neoliberalen Klima in der heutigen tschechischen Republik werden ließen.

Auf der Reise nach Zlín durchquert man heute endlose Logistikareale und neue Gewerbegebiete – die Industriestadt Zlín zerfasert nicht nur an den Rändern, neue postindustrielle Typologien durchdringen auch die alten funktionalen Anordnungen. Zlín war verräumlichte Zukunft – ein moderner Ort, ein Trainingsplatz für moderne Menschen. Die industrielle Modernisierung hat zu einer Auflösung ständischer Zuordnungen, einer Verflüssigung sozialer Grenzen, einer Erosion überkommener Strukturen geführt. Zlín war ein Umschlagplatz für diese soziale Transformation. Hier wurden neue Verhaltensweisen eingeübt. Neue Regeln des Bewegens, der Distanznahme und des Miteinander sind in die gebaute Anordnung der Stadt eingeschrieben: Die als bedrohlich wahrgenommene Masse in der Fabrik wurde kanalisiert in gartenstadtähnlichen Siedlungen, Übergangszonen wie Kaufhaus und Kino verknüpften verschiedene Erfahrungswelten. Zlín folgt auf exemplarische Weise dem „Regime der modernen Raummuster“, zugleich ist in diese Raumanordnungen eine Bandbreite von neuen Möglichkeiten und Erfahrungen integriert; Sehnsuchtsorte wie das Kino sind entstanden, die über die bestehende Struktur hinauswiesen. In Zlín ist bereits vieles als räumlicher Code ausgeprägt, was die moderne städtische Erfahrungswelt bis in die jüngste Gegenwart bestimmt. Vielleicht stand das industriefeudalistische Regime des Tomáš Baťa im Kontrast zu dem modernen Raum, den er selbst geschaffen hat. Die heutige postindustrielle Stadtlandschaft Zlín mit ihren mobilen Unternehmern schreibt eine Raumanordnung fort, die schon früh auf Effizienz, Mobilität und Flexibilität programmiert war.



Regina Bittner
ist Kulturwissenschaftlerin und leitet das Internationale Bauhauskolleg an der Stiftung Bauhaus Dessau. Arbeitet zur Ethnografie städtischer Transformationsprozesse in Ostdeutschland und Osteuropa und zur urbanen Kultur im Postindustrialismus. Kuratorin von Ausstellungen zur Kulturgeschichte der Moderne. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt Mitherausgeberin von „Transiträume“, Berlin 2006. Mitglied des Kuratoriums von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte.


Dieser Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte im Mai 2008.


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