Von 19. bis 23. Mai 2009 fand in Zlín und Prag das internationale Symposium „A Utopia of Modernity : Zlín“ statt. Internationale Wissenschaftler und lokale Experten gingen der Frage nach, inwieweit Zlín sich als Lernmodell für die Zukunft von Stadtplanung und Architektur erweisen kann. Zur Diskussion standen etwa Fragen nach dem Erbe des Fordismus, postsozialistischem Strukturwandel, architektonischem Branding und Corporate Identity sowie dem Verbleib des sozialutopischen Denkens in unserer Gegenwart.
Wir möchten uns herzlich bei den Studenten der Fakultät für multimediale Kommunikation der Tomáš-Baťa-Universität bedanken, die für die Videodokumentation des Symposiums verantwortlich zeichnen.
MITTWOCH, 20.05.2009
18:30
Eröffnung
Zum festlichen Auftakt der Konferenz in Zlín setzten sich zwei Vorträge – einmal aus amerikanischer, einmal aus europäischer Perspektive – mit der frühen Sozial- und Stadtutopie Zlín auseinander und gaben erste Impulse für die Diskussion der historischen Themenschwerpunkte. Der an der Syracuse University in Florenz lehrende Architekturhistoriker und Philosoph Richard Ingersoll stellte die architekturgeschichtliche Entwicklung von Idealstädten und „Company Towns“ vor und beleuchtete anhand von Zlín deren Einfluss auf die Moderne. Der tschechische Kunsthistoriker Rostislav Švácha warf einen Blick auf den alten Stadtkern von Zlín, dessen Bausubstanz vom 16. bis zum 19. Jahrhundert gereicht hat, und stellte den Transformationsprozess wie auch den Widerstreit zwischen dem baulichen Erhalt und der Erneuerung vor, in dessen Spannungsfeld die Modernisierung Zlíns erfolgte.
Begrüßung
Eröffnungsvorträge

Arbeit, Individualität und Architektur in der Stadt des Unternehmens
In englischer Sprache
DONNERSTAG, 21.05.2009
09:00-11:00
Das Phänomen Baťa und die Moderne
Das Zusammenspiel von wirtschaftlicher Rationalisierung, technologischem Fortschritt undvisionärer architektonischer und gesellschaftlicher Neuordnung bildet die Grundlage für das Phänomen Baťa. Auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die Tomáš Baťa bei seinen Reisen in die USA gesammelt hat, entstand ein einzigartiges soziales und architektonisches Experiment. Vor Ort hatte sich Baťa mit der fordistischen Produktionsweise vertraut gemacht: Betriebsmanagement und serielle Fabrikation, wie sie von Frederick Winslow Taylor, Edward A. Filene und Henry Ford entwickelt worden waren, wurden ihm zum Muster für einen am Fließband gefertigten und für alle Einkommensklassen erschwinglichen Schuh. Fabrik und Stadt verschmolzen wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial zu einer Einheit, die ihre Wirkung bis in die Gegenwart entfaltet.
12:00-12:00
Sozialutopie/Stadtutopie
Das „Experiment Zlín“ verband architektonische Ideale mit denen des Sozialingenieurs, der den „Neuen Industriemenschen“ hervorbringen wollte: fortschrittlich und ganz auf das Versprechen der Moderne hin ausgerichtet. Auf der Grundlage von Wohlstand und sozialer Harmonie sollte er sein Leben loyal in den Dienst der Firma stellen. Trotz einer Vielzahl architekturhistorischer, biografischer und stadtgeschichtlicher Studien über Zlín ist über die Menschen, die dort zur Zeit der größten Umgestaltung zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lebten und arbeiteten, wenig bekannt. Der konsequente Ausbau und die Entwicklung Zlíns, die von Tomáš Baťa auch in seiner Funktion als Bürgermeister vorangetrieben wurden, stehen im Gegensatz zu der heutigen Situation im Stadtzentrum von Zlín, die von einer Vielzahl neuer Eigentümer bestimmt wird.

Unbekanntes Zlín. Über das Nichterzählte und Nichtgewusste der realisierten Utopie
In englischer Sprache

Galčanová, Mumford, Sedláková, Šlapeta, Steinführer, Vacková
Moderation: Nerdinger
FREITAG, 22.06.2009
14:30–19:00
Moderne und Urbanität: Ein Widerspruch?
Die postmoderne Architekturtheorie hat die These formuliert, die funktionale Stadt sei zugleich antimodern. In mancher Hinsicht scheint Zlín diese Behauptung zu bestätigen: Hier fehlt eine Reihe von Differenzierungen, die die Stadt als komplexen sozialen, politischen, kulturellen und physischen Raum ausmachen. Schließlich lagen die städtische Regulierung und Planung in Zlín in der Hand des Konzerns, und die Architektur war direkt an den Rhythmus der Fließbandarbeit angepasst. Zugleich bot Zlín die Annehmlichkeiten des modernen Lebens: einen hohen Standard der Häuser und Wohnungen, moderne Freizeit-, Bildungs- und Vergnügungsstätten. Auf paradoxe Art war der Disziplinar- und Kontrollraum des allgegenwärtigen Unternehmens hier auch ein Ort der Emanzipation. Die generellen Zweifel an der Planbarkeit von Städten rufen ein verstärktes Interesse an den Zukunftsstätten der Vergangenheit hervor. Das macht Zlín als Forschungsobjekt für zeitgenössische Architekten, Stadtforscher und Urbanisten so interessant: Die Baťa-Stadt stellt auch die Frage nach der Aktualität des modernen Urbanismus.

Urbanisierung ohne Stadt oder Neuerfindung des Städtischen? Ein Gespräch
In englischer Sprache
SAMSTAG, 23.05.2009
9:00-13:00
Marketing einer Sozialutopie
Der Unternehmer Tomáš Baťa verknüpfte die Entwicklung der Marke Baťa eng mit der Planung von Zlín: Ein wesentliches Moment der zeitgenössischen Industriemoderne war der unaufhaltsame Siegeszug des Marketings, das sich der noch jungen, aber bereits wirkmächtigen Massenmedien bediente. In dieser Hinsicht war Zlín nicht weniger als eine steingewordene Corporate Identity. Der technisch avancierte Umgang mit den Mitteln der Werbung und Propaganda weist weit über die Entstehungszeit der Stadt hinaus, und auch Baťas Bildungssystem kann für nachfolgende Generationen in verschiedener Hinsicht als exemplarisch gelten. Aktuelle sogenannte „Signature Buildings“, Branding-Strategien und die Bedeutung des seriellen Designs von Verkaufsarchitekturen haben in Zlín unübersehbar einen historischen Ursprung.

Obsoleszenz: Das Schicksal der Architektur im 20. Jahrhundert.
In englischer Sprache

Fast forward into the Past. Von Zlín nach Celebration in Florida
In englischer Sprache

Die internationale Expansion der Firma Baťa: Zlíner Satelliten und der Export von Architektur, Produktion, Geschäftsmodell und Lebensphilosophie
In tschechischer Sprache

Von der Utopie zur konkreten Realität. Baťas Zlín in der Slowakei als limitierte Auflage
In tschechischer Sprache

Die Ästhetik der Rationalisierung. Baťas Medienverbund in Stadt und Unternehmen
In englischer Sprache