Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

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Utopie der Moderne: Zlín /


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1968|1989 /

 
Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

© Bezirksgalerie für bildende Kunst in Zlín

EINE REISE INS SÜDMÄHRISCHE ZLÍN IST EINE REISE IN EINE GEBAUTE UTOPIE. Die Fabrikhallen, in denen sich heute kleinere Industrieunternehmen angesiedelt haben, die weitläufigen Grünflächen und die frei stehenden Wohnhäuser waren einmal Schauplätze eines sozialen Experiments: Hier wurden nicht nur massenweise Schuhe produziert, sondern auch der Neue Mensch. Dabei präsentierte die Stadtplanung von Zlín zwei Gesichter. Zum einen stand sie im Dienst eines durch und durch reglementierten und kontrollierbaren sozialen Gebildes – das zeigt allein der Fahrstuhl, den Jan Baťa, der Bruder des Firmengründers Tomáš, 1938 an der Außenwand des Hauptquartiers hatte anbringen lassen: Darin befand sich sein mobiles Büro, mit dem er durch Auf- und Abfahren jederzeit und überraschend seine Mitarbeiter aufsuchen konnte. Zum anderen versuchte sich Zlín, das sich an den Gartenstadtgedanken von Ebenezer Howard anlehnte, durchaus überzeugend an der Lösung großstädtischer Probleme: Die bedrückende Enge überbevölkerter Wohnblocks, hygienische Defizite und Luftverschmutzung, das Fehlen von Grünflächen – all das hatte der Stadtarchitekt František Lydie Gahura in seinem 1925 vorgestellten Konzept einer „Fabrik im Grünen“ vermieden.

Tomáš und Jan Baťa, die Söhne eines einfachen Schuhmachers, sollten es in der Zunft des Vaters weit bringen und den Familiennamen schließlich als weltweit bekannte Marke etablieren. Zlín, die Fabrik, war die Keimzelle ihres Erfolgs. Durch die Gleichschaltung von Stadt und Unternehmen, eine strikte Reglementierung des Lebensalltags ihrer Angestellten und die konsequente Umsetzung fordistischer Serienproduktion erwiesen sich die Baťas nicht nur als geschickte Unternehmer, sondern auch als radikale Sozialingenieure. Zlín war derart schematisch konstruiert, dass nicht nur die dort produzierten Schuhe zum Exportschlager werden konnten. Die Fabrikstadt selbst ließ sich wie ein reproduzierbares Modul auch anderswo errichten. Das bewies Jan Baťa, der, nachdem er die Tschechoslowakei noch unter der nationalsozialistischen Okkupation verlassen hatte, an verschiedenen Orten der Welt, gleichsam nach einem Franchising-Prinzip, neue Baťa-Städte aufbaute.

Learning from Zlín? Das bietet sich an: Schließlich bringt Zlín den utopischen Zug der Moderne in einer geradezu idealtypischen Form zur Ausprägung. Der Versuch einer integrierten Lösung von Arbeit und Freizeit für alle zeigt zugleich, wie ähnlich die Resultate bei politisch ganz unterschiedlichen Vorgaben ausfallen können. Der Gleichheitsgedanke, den die Baťas für ihre Angestellten entwickelt hatten, verdankte sich nämlich keiner linken Sozialutopie, er war das Mittel einer kühl kalkulierten Leistungsoptimierung im Sinne fordistischer Fabrikproduktion. Die Diskussion über Zlín wird schließlich die Frage stellen müssen, wie im postindustriellen Zeitalter mit dem industriellen Erbe der Moderne zu verfahren ist. Die Richtung kann dabei weisen, dass sich die Stadt bereits gegen Denkmalschutz und Musealisierung entschieden hat. Zlín ist ein einzigartiges und mustergültiges Kapitel der Moderne. Erstaunlicherweise ist es dennoch wenig bekannt. Die Aufmerksamkeit, die der Stadt von Zipp in einem Symposium und einer Ausstellung gewidmet wird, kann nur der Anfang für eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema sein.


Hintergrundtexte


Zlín - die erfüllte Moderne
von Regina Bittner

Eine Stadt für eine Schuhfabrik: Der Unternehmer Tomáš Baťa hat der linken Avantgarde mit dem Bau des mährischen Zlín den Fehdehandschuh hingeworfen. In den 1920er- und 1930er-Jahren ließ er ein riesiges Labor für gemeinschaftliches Leben und Arbeiten errichten. Bis in den letzten Winkel war diese „City of functionalism“ auf Effizienz getrimmt. Alle schienen gleich zu sein, allerdings nicht im Sinne einer antikapitalistischen Utopie, sondern ganz im Gegenteil im Dienste der fordistischen Fließbandproduktion. Regina Bittner erklärt, auf welchen Traditionen die Idealstadt Zlín fußt und warum sie heute nicht zum Museum werden soll.
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