Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

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Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

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Vùng biên giới. Ein Theaterprojekt mit Experten aus Dresden und Prag

von Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)

Auf Einladung von Zipp brach Rimini Protokoll (Helgard Haug, Daniel Wetzel) im Frühjahr 2008 auf, um sich mit dem Nachbarschaftsverhältnis von Deutschland und Tschechien zu befassen – und fand Vietnam zwischen Dresden und Prag. Es ist das Grenzgebiet einer Generationserfahrung: Als Vertragsarbeiter waren die vietnamesischen Eltern in die kommunistischen Bruderländer DDR und ČSSR gekommen. In Imbissstuben, Mini-Märkten und Grenze-Läden wuchsen ihre Kinder auf. In „Vùng biên gió’i“ (sinngemäß: Grenzgebiet) treten Menschen der ersten und zweiten Einwanderergeneration auf und eröffnen nicht nur einen Blick in ihre Lebenswelt, sondern auch die Möglichkeit, ihren Blick auf die unsere zu teilen.

Helgard Haug über die Recherche: „Wir sind auf dem großen vietnamesischen Markt in Prag gewesen und sind mit Vietnamesen in Dresden ins Gespräch gekommen über ihren Weg in die DDR bzw. ČSSR als sogenannte ‚ausländische Werktätige‛ und ihre Suche nach einer Nische nach 1990. So konnten wir vier Vietnamesen aus Dresden und Berlin für das Projekt gewinnen, die auf sehr unterschiedliche Weise ihren Weg aus der DDR in die Selbstständigkeit unter kapitalistischen Vorzeichen gefunden haben – alle vier noch mit Erfahrungen als Kriegskinder bzw. junge Soldaten.“ Auf dem vietnamesischen Großmarkt in Prag helfen Kinder, den Nachschub nachgemachter US-Uniformen aus den Kisten auf den Ladentisch zu packen. Aber während ihre Eltern gebrochen „Billig, billig!“ rufen, haben sie sich ganz andere Territorien erobert: Sie studieren, reisen, beherrschen Sprachen und füttern die Suchmaschinen mit Statusfragen nach ihrer Heimat und ihrer Zugehörigkeit. Während die einen ihre Familien aus Vietnam nachholen und andere illegal über den Landweg einzureisen versuchen, zahlt der tschechische Staat im Zuge der Finanzkrise willigen Heimkehrern 500 Euro und den Flug. Auf deutscher Seite werden per Sammelabschiebungen von Berlin-Schönefeld aus Hunderte in die absolute Ungewissheit geflogen.

Ins Zentrum der Theaterarbeit stellt Rimini Protokoll einzelne Menschen mit ihren Biografien und Berufen und bezeichnet diese als Experten des Alltags. Das Theater wird damit selbst zum Forschungsinstrument, das erst in der Bühnenöffentlichkeit zum Einsatz kommt. Wie auch bei „ Vùng biên gió’i“ gehen den Proben zu den Stücken umfangreiche Recherche-, Casting- und Konzeptionsprozesse voraus.

Eine Produktion von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, Staatsschauspiel Dresden, Pražský divadelní festival německého jazyka (Prager Theaterfestival deutscher Sprache) und Národní divadlo (Nationaltheater Prag)

MATERIALBOX
In Nachbereitung der Produktion entwickelte Rimini Protokoll eine Online-MATERIALBOX, die umfangreiches Text- und Hintergrundmaterial zum Thema in drei Sprachen zur Verfügung stellt.

Besetzung und Bilder | Publikation | Projektpartner


Hintergrundtexte

Auszug aus dem Recherche-Protokoll zu Vùng biên giới.
Von Sebastian Brünger und Helgard Haug, Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)

12.01. – Dresden
>> Erster Besuch in Dresden. Eine vietnamesische Frau, die von allen nur die „Prinzessin“ genannt wird, führt uns in weißem Plüschkleid durch die schneebedeckten vietnamesischen Gärten in der Johannstadt. Ein Stadtentwicklungsprojekt. Mit dabei: Ein Exstadtrat, der sich für die Vietnamesen in Dresden starkmacht. Später zum Essen bei ihr in der bunt schrillen Wohnung.
>> Nachmittags: Eine Fotoausstellung im Goethe Institut Dresden. Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen in den späten Achtzigern Vietnamesen im VEB Herrenmode an den Nähmaschinen und im Wohnheim. Wir wollen den Fotografen treffen.
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Das vietnamesische Tschechien
Von Jaroslav Rudiš

Die meisten Leute sind am Wochenende hier, aber auch in der Woche herrscht reger Betrieb. Durch das blaue Tor rollt ein Strom von leeren und gefüllten Transportern und Trucks, zwischen denen sich PKWs hindurchmanövrieren. SAPA heißt der größte vietnamesische Basar der Tschechischen Republik, hier kann man alles kaufen, von lebenden Krabben über Kleidung und Flugtickets bis hin zu Kunstblumen. Dieser Ort am Rande von Prag ist aber noch viel mehr – eine richtige Stadt in der Stadt.
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Über Rimini Protokoll

Helgard Haug und Daniel Wetzel, beide Absolventen des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft (Gießen), arbeiten seit 1995 zusammen. Seither haben sie in unterschiedlichen Konstellationen mit scharfsinnigen Interventionen im öffentlichen Raum sowie mit dokumentarischen Theaterstücken und Hörspielen auf sich aufmerksam gemacht. Ihre Performer sind zumeist „Experten des Alltags“, die als Ready-made-Darsteller mit ihren eigenen Biografien in theatralische Zusammenhänge gebracht werden. Wirklichkeit wird nicht abgebildet, nicht künstlich dramatisiert, sondern auf die Bühne geholt – ein ebenso konsequenter wie einfacher Ansatz. 2002 gründeten sie mit Stefan Kaegi und Bernd Ernst das Label Rimini Protokoll, unter dem sie sich durch postdramatische Gegenentwürfe zum Schauspiel und seiner Dramenlastigkeit schnell einen Namen gemacht haben.
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