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Kulturstiftung des Bundes
 

Von den Grenzen des Äthers

Von Michal Rataj

Die aktuelle akustische Kunst in Tschechien muss vor dem Hintergrund eines Phänomens betrachtet werden, das für die tschechische Gesellschaft des letzten Jahrzehnts überhaupt von Relevanz ist: Es geht um die „Diskontinuität“, die alle Bereiche der politischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt kreativen Welt betrifft und das Erscheinungsbild der tschechischen Gesellschaft im letzten Jahrzehnt geformt hat. Radiokunst, die stets in ihrer Abhängigkeit von der öffentlich-rechtlichen Plattform des Tschechischen Rundfunks betrachtet werden muss, schöpft als Gattung trotzdem aus einer bestimmten Tradition.

Die Geschichte dieser Kunstform reicht weit zurück: Sie verläuft von Emil František Burians Voiceband-Chorrezitationen der 1920er- Jahre über die konkrete Poesie zu den Produktionen des Elektronischen Studios des Tschechischen Rundfunks in Pilsen in den 1960er- und 1970er-Jahren; vom Experimentalstudio in Bratislava bis zu den jüngsten Bemühungen, eine systematische und unabhängige Reflexion der gegenwärtigen Klangkunst im Rahmen des Audiostudios des Tschechoslowakischen Rundfunks in Prag zu etablieren. Die Arbeit dieses Studios war allerdings nicht frei von konzeptuellen Widersprüchen und dauerte nur von 1990 bis 1994 an.

Dass von aktueller akustischer Kunst um die letzte Jahrtausendwende nur wenig zu hören war, hat indessen mit der erwähnten Diskontinuität zu tun. Ein wesentlicher Faktor dafür ist auch, dass es in Tschechien in den letzten 15 Jahren an einer mittleren Generation fehlt. So gelingt es nur mit Mühe, den Generation-Gap zwischen den heute 30-Jährigen und den langsam abtretenden 60-Jährigen zu überbrücken. Zwar etablierte sich in den postrevolutionären 1990er-Jahren eine ganze Reihe von schöpferischen Aktivitäten, insbesondere von privater und gemeinnütziger Seite – die Sendungen des Tschechoslowakischen (ab 1993: Tschechischen) Rundfunks fanden aber kaum eine angemessene Öffentlichkeit.

Im Januar 2003 tat sich schließlich Entscheidendes: Der Kulturkanal des Tschechischen Rundfunks „ČR 3 – Vltava“ (Moldau) strahlte zum ersten Mal eine Sendung mit dem Namen „PremEdice Radioateliéru“ (Radioatelier-PremEdition) aus. Dieser Titel weist in zwei Richtungen: „Radioateliéru“ bezieht sich auf eine Sendung, die das Licht der Welt als Kind des 2002 entwickelten neuen Programmschemas erblickte. „PremEdice“ wurde als Premierenreihe dieser Programmschiene etabliert und brachte jeden Monat eine Komposition, die eigens für die Sendung geschrieben worden war.

Mit der neuen Sendung stellten sich notwendigerweise Fragen nach den Prioritäten und Visionen, auf denen nun eine Kontinuität gründen könnte: Welche Rolle sollten künftig die Produzenten spielen, und wie sollten Aufträge an Autoren vergeben werden? Unter welchen Bedingungen sollte so etwas wie eine neue „Szene“ entstehen? Von vornherein versuchte das neue Programm einen Kreis einheimischer Autoren zusammenzubringen, die längerfristig in der Lage sein würden, den „Kern“ einer profilierten Radiokunstszene zu bilden. Ein solcher Prozess kann aber kaum von einem institutionellen Standpunkt aus gesteuert werden; auch lässt sich nicht normativ bestimmen, welcher Künstler sich mit welchem Werk in diese Szene einfügen soll. Vielmehr lebt ein derartiger Anfang von der Motivation, die von dem neuen, alternativen Angebot ausgeht; von den Möglichkeiten, die jenseits von Bildungshintergründen und etablierten Ästhetiken entstehen. Ohne Frage schäumt der kleine böhmische Talkessel nicht immer vor kreativer Energie über – daher ist ein offener schöpferischer Zugang gefragt, der stets auch die internationale Geschichte der Radiokunst im Blick hat.

Die Künstler, die die ersten Kompositionen schufen, kamen aus drei Bereichen. Zunächst handelte es sich um die jüngste Autorengeneration aus dem Umfeld der heimischen Kunsthochschulen. Zum anderen um die in den 1990er-Jahren sehr aktive Gemeinde des „MediaLab“ in der Prager Jelení-Gasse und die an sie anknüpfende Gruppe von „Radio Jelení“ (heute „lemurie.cz“). Und schließlich um Künstler, die sich in der einheimischen Improvisationsszene bewegten.

Von Anfang an war klar, dass die neue Radiokunstszene nicht durch eine Institution, etwa eine Sendeanstalt, bestimmt sein konnte – es mussten die Künstler und ihre Werke sein, die den Rahmen definierten. Dazu bedurfte es zunächst einmal einer größeren Anzahl von Arbeiten, die einen ästhetischen Diskurs hervorbrachten und den Horizont über die einheimische Szene hinaus weiteten. Schließlich gibt es im gegenwärtigen Rundfunkschaffen keine Sparte, die derart international agiert wie die Radiokunst.

Insbesondere vor dem Hintergrund dieser internationalen Perspektive sind drei Aspekte für die Radiokunst im Tschechischen Rundfunk wesentlich:
– Das Internet entwickelt sich zum globalen Gedächtnis der Menschheit. Im kleinen Maßstab des Programmarchivs sind daher sämtliche bisher ausgestrahlten Schöpfungen der Reihe „PremEdice Radioateliéru“ auf dem Portal „rAdioCUSTICA“ (www.rozhlas.cz/radiocustica) abrufbar. Bis Ende 2008 soll dort auch eine komplette englische Version zur Verfügung stehen.
– Die heimische Szene setzt sich permanent mit ausländischen Künstlern auseinander. Persönliche Kontakte führen nicht selten zu einer konkreten Zusammenarbeit.
– Die Produzentenplattform der Europäischen Rundfunkunion (EBU) Ars Acustica (www.ebu.ch/ arsacustica), ohne die sich die „PremEdice Radioateliéru“ in den letzten sechs Jahren kaum hätte entwickeln können. Parallel zu den Internetangeboten bietet sie ein institutionalisiertes Umfeld, das einen detaillierten Überblick über das internationale Radioschaffen ermöglicht.

Die vergangenen sechs Jahre Radiokunst im Tschechischen Rundfunk beweisen eines: Geräuschkunst und Äther (ob real oder virtuell) sind nur vom Erfindungsreichtum ihrer Schöpfer begrenzt und von der Fähigkeit, kommunikative Brücken zu schlagen anstatt sie einzureißen. Auf der Suche nach einer gemeinsamen deutsch-tschechischen Kontinuität könnte das ein überaus produktives Feld sein.



Michal Rataj
Geboren 1975 in Písek, Komponist, Radioproduzent und Musikwissenschaftler. Studierte Komposition und Musik in Prag, London und Berlin. Seit 1999 auch als Produzent tätig. 2004 Artist in Residence im MuseumsQuartier in Wien. Komponiert Musik für Film, Bühne und Radiostücke, ist Redakteur beim Tschechischen Rundfunk in Prag und Herausgeber der CD-Edition „rAdioCUSTICA“. Mitglied der Ars Acustica-Arbeitsgruppe der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Zuletzt als Fulbright-Stipendiat an der University of California, Berkeley.


Dieser Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte im Mai 2008.


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