Literarisches Hörspiel / Autor: Jáchym Topol
DLR Kultur 2009, 172 min
Sendetermine:
13.09.2009, 18:30 Uhr, Teil 1 (Deutschlandradio Kultur)
20.09.2009, 18:30 Uhr, Teil 2 (Deutschlandradio Kultur)
23.–29.11.2009, 18:30 Uhr (ČRo 3 – Vltava)
Auf einem chaotischen Trip von Theresienstadt nach Minsk verkörpert der Erzähler dieser Reisegroteske die unverarbeiteten Spuren des verheerenden zweiten Weltkriegs. In seiner unvoreingenommen, naiven Erlebnisperspektive nehmen Traumata auf skurrile Weise Gestalt an und werden als eine Form des kollektiven Unbewussten fassbar.
Ein zentrales Thema des Schriftstellers, Publizisten und Medienaktivisten Jáchym Topol ist die Erfahrung der Verwundbarkeit und Unsicherheit, wenn Krieg oder politischer Machtkampf mit zerstörerischer Kraft in ein Leben hineinbrechen. In seinen Romanen „Nachtarbeit“ und „Zirkuszone“ hat er besonders eindringlich aus der eingeschränkten Sicht von Kindern gezeigt, wie Angst und Unverständnis ein mythisches Erleben von Gewalt verstärken: Eigene Erfahrungen und groteske Wachträume, Zeitgeschichte und Fantastik, werden immer dichter miteinander verwoben. Topol interessiert sich sehr dafür, wie Angehörige seiner Generation, also die heute Über-40-Jährigen, auf die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs reagieren. Sein Radiostück beginnt in einer fiktiven Wirklichkeit im Nachkriegs- und postsozialistischen Theresienstadt, das dem Erzähler eine heimelige Kindheit bescherte – auch wenn er jeden Stein der ehemaligen „Todesmaschinerie“ dort kennt. Nun hat der Ort mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, es formieren sich Befürworter und Gegner von absurd übersteigerten Geschäftsideen eines Holocaust-Tourismus. Der radikale Held dieser Radioarbeit flieht nach Weißrussland und trifft dort auf ähnliche Probleme: Die moderne Geldwirtschaft schert sich nicht um das Erbe der Gedenkstätten deutscher Verbrechen. Mit viel Energie und oft von dunklen Mächten verfolgt wühlt sich der Erzähler mit einer Gruppe „Aufrechter“ durch Minsker Menschenmengen oder in den, auch symbolisch gemeinten, Untergrund dieser Stadt und ihrer Geschichte.
Auch in seinem ersten speziell fürs Radio geschriebenen Stück verfolgt Topol seinen durchaus kontroversen Stil, unverarbeitete Geschichte ins Irreal-Skurrile zu überhöhen und von einer provozierend überdrehten Geschichte aus, Denkanstöße zu geben.
Der Tschechische Rundfunk produzierte eine eigene Fassung des Radiostücks. Redaktion: „Čajovna“ („Teestube“), Kateřina Rathouská.
JÁCHYM TOPOL
wurde 1962 in Prag als Sohn des Dichters und Dramatikers Josef Topol geboren. Seit Anfang der 1980er-Jahre beteiligte er sich an literarischen Aktivitäten des Samizdat und vor allem des tschechischen Undergrounds, er war beteiligt an der Entstehung des Underground-Verlags „Mozková mrtvice“ („Hirnschlag“), zur selben Zeit war er Mitbegründer und Redakteur der Zeitschriften „Violit“ sowie „Jednou nohou“ („Mit einem Bein“), die kurz danach in „Revolver Revue“ umbenannt wurde; 1990–1993 war er dort Chefredakteur. Seither ist Topol freiberuflich tätig.