13.02.2010–28.03.2010, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), Berlin
Jedes Medium hat seine Geschichte und verwirrte seine Adressaten im Moment seines erstmaligen Erscheinens. Das Radio ist dafür ein besonders prägnantes Beispiel. Als zum ersten Mal Stimmen in den Äther gesendet wurden, ließ das die Hörer erschauern wie ein okkulter Vorgang: Dem Gesprochenen ließ sich kein physisches Subjekt zuordnen – handelte es sich hier etwa um Botschaften aus dem Jenseits? Die Aufregung darüber ist noch gar nicht alt, sie datiert auf den Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Die Faszination für die Ort- und Körperlosigkeit des Radios bestimmte die frühen Jahre dieses Mediums, und schon früh wurde sie auch für die Künste fruchtbar gemacht. Aus heutiger Sicht bietet die Beschäftigung mit historischer Radiokunst vielfältige Inspirationen: Denn vor 1930, als sich die künstlerischen Disziplinen stark ausdifferenzierten, profitierte gerade sie von einer viel stärkeren und fruchtbaren Synthese unterschiedlichster künstlerischer Ansätze. Heute scheint es, als sei insbesondere das Radio ein Ort, an dem das Zusammenspiel von Künsten, entgegen ihrer Separierung und Spezialisierung, wieder gelingen kann. Dieser Vorgang richtet sich auch gegen die lange vorherrschende Dominanz des wortzentrierten Hörspiels.
Dies war der Ausgangspunkt der Ausstellung „Sounds. Radio – Kunst – Neue Musik“, die von 13. Februar bis 28. März im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) stattfand. In einer Vielzahl von älteren und ganz neuen Arbeiten kam hier die Vielstimmigkeit der Radiokunst in ihrer Wechselwirkung von Raumkunst, akustischer Kunst und Vorgängen im öffentlichen Raum zur Geltung. Radio wurde als künstlerisches Medium begehbar und räumlich erlebbar. Und ähnlich wie in den allerersten Jahren des Mediums konnte noch einmal eine Überraschung darüber hervorgerufen werden, wie komplex die Erfahrungsräume sein können, die es hervorruft.
Fünf Radioarbeiten aus dem deutsch-tschechischen Radiokunstprojekt „rádio d-cz“, das im Rahmen der von Zipp initiierten und durchgeführten Kulturprojekte entstanden ist, bildeten den Kern dieser Ausstellung. Autoren, Künstler, Hörspieldramaturgen, Geräuschesammler und Musiker begaben sich dafür auf Reisen in deutsch-tschechische Lebenswelten. Ihre Radio-Features, Hörspiele und Soundcollagen handeln von tatsächlicher oder fiktiver Zeitgeschichte: von Abenteurern und Selfmade-Männern, trennenden Zäunen und verbindenden Geräuschen. Diese Arbeiten wurden von Deutschlandradio Kultur, dem Südwestrundfunk, dem Westdeutschen und dem Österreichischen Rundfunk und in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Rundfunk produziert.
Fünf mal fünf Referenzstücke zu den Radioarbeiten eröffneten eine weitere Ebene aus 80 Jahren Rundfunkgeschichte und standen für elementare „Kraftfelder“ der Radiokunst, die Autoren und Künstler seit den Anfängen des Mediums faszinieren: die Mobilität, das vexierbildhafte Spiel mit den Grenzen von öffentlich und privat, die Kunstfertigkeit, mit Originaltönen fiktive Räume zu schaffen, die Fähigkeit, für die komplexen Geräuschtexturen des alltäglichen Klangumfelds zu sensibilisieren, und das ureigene Paradox, in einem „körperlosen“ Medium die Physis der Stimme herauszustellen. Diese Arbeiten sind in Ausschnitten zu erleben. Im Archivteil der Ausstellung können sie in gesamter Länge gehört werden, der ferner über 100 weitere Radiokunst-Produktionen der an der Ausstellung beteiligten Sender versammelt.
Gegenwart und Aktualität unterschiedlicher „Soundsphären“ akzentuiert auch Ursula Blocks Galerie gelbe MUSIK. Im Neuen Berliner Kunstverein präsentierte sie ihren Laden und ihr umfangreiches Archiv zur Geschichte der Neuen Musik und akustischen Kunst für die Dauer der Ausstellung und zeigte die Sonderausstellung „Denkbare Partituren“ anlässlich der neunten Ausgabe von MaerzMusik – Festival für aktuelle Musik.
In der Ausstellung waren Werke folgender Künstler zu hören:
Juan Allende-Blin, Susanne Amatosero, Andreas Ammer, Alfred Andersch, Beate Andres, Antonin Artaud, Ingeborg Bachmann, Walter Bauer, Samuel Beckett, Walter Benjamin, Barry Bermange, Andreas Bick, Friedrich Walter Bischoff, Ursula Block/gelbe MUSIK, Hermann Bohlen, Alessandro Bosetti, Alfred Braun, Peter Leonhard Braun, Bertolt Brecht, Klaus Buhlert, Frieder Butzmann, John Cage, Christian Calon, Velimir Chlebnikov, Carlfriedrich Claus, Console, Alvin Curran, Peter Cusack, Tacita Dean, Eduard Roderich Dietze, Esther Dischereit, Peter Dittmer, Alfred Döblin, Oswald Egger, Günter Eich, Barbara Eisenmann, William Faulkner, Raymond Federman, Luc Ferrari, Walter Filz, Hans Flesch, FM Einheit, Werner Fritsch, Tetsuo Furudate, Martin Gantenbein, Hartmut Geerken, Ulrich Gerhardt, Thomas Gerwin, Stefano Giannotti, Michael Glasmeier, Heiner Goebbels, Patricia Görg, Guido Graf, Kai Grehn, Giuseppe Patroni Griffi, Frank Halbig, Ludwig Harig, Hanna Hartman, Helene Hegemann, Elke Heinemann, Helmut Heißenbüttel, Niklaus Helbling, Paul Hindemith, Hofmann&Lindholm, Richard Hughes, Steffen Irlinger, Ernst Jandl, Elfriede Jelinek, Bernadette Johnson, Arsenije Jovanovic, Mauricio Kagel, Schorsch Kamerun, Dora Kaprálová, Hermann Kasack, Walter Kempowski, Oskar Kokoschka, Thomas Köner, Stephan Krass, Ferdinand Kriwet, Jean-Claude Kuner, Paul Laven, Michael Lentz, LIGNA, Bruno Maderna , Friederike Mayröcker, Sergej Medwedew, Jonathan Meese, Thomas Meinecke, Michaela Melián, Franz Mon, Herbert Morrison, Move D, Heiner Müller, Wolfgang Müller, Albert Ostermaier, Georges Perec, Eberhard Petschinka, Paul Plamper, René Pollesch, Werner Pöschko, Rimini Protokoll, Jon Rose, Dieter Roth, Joseph Roth/Helmut Peschina, Eduard Roderich, Gerhard Rühm, Walter Ruttmann, Rafael Sanchez, Eran Schaerf, Christoph Schlingensief, Ernst Schnabel, Ernst Schoen, Nadja Schöning, Kateřina Šedá, Theodor Siebs, Rolf Simmen, Walter Spies, Tim Staffel, Andrzej Stasiuk, Ronald Steckel, Ulrike Syha, George Tabori, Andrej Tarkowskij, Asmus Tietchens, Jáchym Topol, Naoya Uchimura, Anja Utler, Mario Verandi, Michel Vinaver, Miloš Vojtĕchovský, Wolf Vostell, Antje Vowinckel, Friedrich Walter, Stefan Weigl, Marianne Weil, Kurt Weill, Friedrich Wolf, Ror Wolf, Paul Wühr
Im Verlag der Buchhandlung Walther König erscheint ein Katalog zur Ausstellung.
Konzeptionsteam: Marius Babias, Gaby Hartel, Frank Kaspar, Katrin Klingan
Ausstellungsdesign: Ruudi Beier, Peter Wellach (id3d-berlin themengestaltung)
Projektassistenz: Silvia Ploner
„Sounds. Radio – Kunst – Neue Musik“ ist eine Ausstellung des Neuen Berliner Kunstvereins n.b.k. und von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes.
Ausstellung und Programm wurden ermöglicht durch die finanzielle Förderung von: Stiftung Lotto. Deutsche Klassenlotterie Berlin
In Kooperation mit Deutschlandradio Kultur, dem Südwestrundfunk, dem Westdeutschen Rundfunk, dem Österreichischen Rundfunk und dem Tschechischen Rundfunk.
Mit freundlicher Unterstützung des Bayerischen Rundfunks / Hörspiel und Medienkunst.
Medienpartner: zitty Berlin; Deutschlandradio Kultur
Sponsor: beyerdynamic
Begleitprogramm | Bilder
Booklet zur Ausstellung (pdf)
Miniposter zur Ausstellung und zum Abschlusskonzert (pdf)