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Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

Die Liblice-Konferenz 1963

Von Martin Endres

Während Franz Kafka in den USA und Westeuropa gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem der bedeutendsten und meistgelesenen Autoren der Moderne aufstieg, war sein Werk in den osteuropäischen Staaten bis in die späten 1950er- Jahre verfemt – und das, obwohl etwa in Polen und der Tschechoslowakei bereits seit mehr als 20 Jahren erste Übersetzungen des „Process“- und des „Schloss“-Entwurfs vorlagen.

Das Verdikt, das die sozialistischen Staaten über Kafka verhängt hatten, lockerte sich zunächst kaum merklich. Rückblickend ist aber erkennbar, dass die sich anfangs zaghaft anbahnende Aufnahme Kafkas in den öffentlichen Diskurs nicht mehr einer Generallinie folgte, sondern aus der kulturpolitischen Situation der einzelnen Regimes resultierte. Maßgeblich waren unterschiedlich stark ausgeprägte Liberalisierungstendenzen sowie die Einflüsse seitens einer nicht dogmatischen marxistischen Literaturkritik.

In der Sowjetunion und der DDR behauptete sich die Zensur, die starr am Dogma „Sozialistischer Realismus“ festhielt, bis in die frühen 1960er-Jahre. Auch nach dem Tod Stalins („Schriftsteller sind die Ingenieure der menschlichen Seele“) und Chruschtschows Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 waren von einem politischen „Tauwetter“ im Kulturbetrieb nur erste Anzeichen wahrzunehmen. Neben der allgemein antiwestlichen Propaganda, die über die Verfemung und Diffamierung „bürgerlicher“ Autoren das sowjetische Selbstverständnis angesichts der Konkurrenz zwischen den Systemen zu stärken suchte, waren es vor allem Modernismus, Dekadenz und Pessimismus, die man mit Kafkas Werk verband und denen die Parteiideologen eine scharfe Absage erteilten.

Den entscheidenden Umschwung in der öffentlichen Anerkennung Kafkas leitete schließlich die international besetzte Konferenz ein, die am 27. und 28. Mai 1963 anlässlich des 80. Geburtstags von Kafka auf Schloss Liblice unweit von Prag stattfand. Auch vor dem Hintergrund von Chruschtschows Doktrin der „friedlichen Koexistenz“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus entwickelte sich die zunächst rein literaturwissenschaftliche Veranstaltung zu einem „politischen Ereignis“, dessen Auswirkungen zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen waren.

Initiator und „Spiritus Rector“ der Konferenz war Eduard Goldstücker, Prager Germanist und späterer Präsident des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Goldstücker, der nach dem sowjetischen Einmarsch 1968 ins Exil gehen musste, bat 18 tschechoslowakische und neun ausländische Teilnehmer, Vorträge beizusteuern (die Referate und Stellungnahmen dokumentiert der 1966 in der DDR erschienene Band „Franz Kafka aus Prager Sicht“); auffälligerweise waren keine sowjetischen Wissenschaftler unter den Diskutanten. Vor allem zwei Punkte standen im Mittelpunkt der Debatte: zum einen die Aufwertung von Kafkas Werk „aus den Positionen des Marxismus-Leninismus“, verbunden mit seiner Entlastung aus dem Generalverdacht, als „ideologischer Sprengstoff“ eine Unterhöhlung der marxistischen Weltanschauung voranzutreiben. Zum anderen ging es darum, unabhängig von aktuellen politischen Fragen die Bindung Kafkas an das deutsch-jüdische Prag und seine Rolle in der tschechischen Kulturtradition aufzuzeigen.

Ein Moment, das alle literarischen, soziologischen und historisch-politischen Aspekte der Debatte um Kafkas Werk wie ein roter Faden durchzog, war das der „Entfremdung“. Die Frage, ob Kafkas Texte nur als eine Demaskierung der sozialen Missstände kapitalistischer Gesellschaftsordnungen zu lesen seien, in die sich auch der Autor selbst eingebunden sieht, oder ob sie nicht vielmehr subversiv verstanden werden müssen, wurde von den einzelnen Parteien unterschiedlich beantwortet.

Das Echo des sozialistischen Realismus, das in den Beiträgen der DDR-Teilnehmer deutlich hörbar war, beschränkte das Phänomen der Entfremdung historisch auf die bürgerliche Gesellschaft. Dem gegenüber standen undogmatische Positionen wie die des französischen Philosophen Roger Garaudy und des österreichischen Schriftstellers Ernst Fischer. Kafkas Aktualität, so argumentierten diese, resultiere gerade aus der realen Alltagserfahrung einer entfremdeten Gesellschaft – die Wirklichkeit durch blinde Ideologie zu ersetzen und Kafka mit seiner „Darstellung der Widersprüche des Lebens“ zu negieren widerspräche dem kritischen Bewusstsein des Marxismus. An der Frage, ob Franz Kafkas Literatur ein dekadenter Zug anhaftet, der sich nicht mit sozialistischem Pflichtoptimismus verträgt, entzündete sich eine Diskussion über die Aufgaben der Kunst und ihre gesellschaftliche Verantwortung. Die literaturwissenschaftlichen Ergebnisse, die Liblice gebracht hat, wirken aus heutiger Sicht bescheiden. Wichtiger aber erscheint die „Enttabuisierung“ Kafkas in der sozialistischen Welt, die sich in dieser Konferenz manifestierte. Sie stand damit symptomatisch für eine allgemeine kulturelle Entwicklung, die bis zu den Ereignissen des Prager Frühlings nachgezeichnet werden kann.

Die publizistische Breitenwirkung von Liblice ist kaum zu unterschätzen: Das galt für die DDR, die Sowjetunion und die Tschechoslowakei. Im Juni 1967 tagte der Vierte Kongress des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes, der den Marxismus liberalisieren wollte. Schriftsteller und Intellektuelle forderten einen von ideologischen Scheuklappen befreiten „Realismus ohne Ufer“ und engagierten sich so laut wie nie zuvor für Pressefreiheit und die Abschaffung der staatlichen Zensur.

In der kurzen Epoche des geistigen und gesellschaftlichen Aufbruchs, die in den Ereignissen des Prager Frühlings und der gewaltsamen Niederschlagung der Reformbemühungen von Alexander Dubček im Sommer 1968 ihren tragischen Höhepunkt fand, hat die Konferenz in Liblice eine zentrale Bedeutung. An einer literaturwissenschaftlichen Debatte über einen längst verstorbenen Autor hatte sich der Geist der politischen Revolte geschärft; das Bekenntnis zur Literatur zielte schließlich auf die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Wie stark die Figur Franz Kafka mit der Forderung nach einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ verflochten war und als Katalysator des Prager Frühlings betrachtet wurde, vermag vielleicht Heinrich Bölls Augenzeugenbericht vom Einmarsch der Truppen am 21. August 1968 in Prag zu vermitteln: „Vor Kafkas Geburtshaus stand ein Panzer, das Rohr auf die Kafka-Büste gerichtet.“



Martin Endres studiert seit 2000 Germanistik und Philosophie an der Universität Heidelberg. Er war von 2004 bis 2007 Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und promoviert seit 2005 über Friedrich Hölderlin. Seitdem auch wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rahmen der von Roland Reuß und Peter Staengle herausgegebenen Brandenburger Kleist-Ausgabe (BKA) sowie der Historisch-kritischen Franz Kafka-Ausgabe (FKA). Publikationen unter anderem zu Hölderlin, Kafka, Klopstock und Heidegger.

Dieser Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte im Mai 2008.


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