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Die Tschechen sind eine Erfindung ihrer eigenen Literatur


Jiří Gruša im Gespräch mit Ronald Düker

Ronald Düker: Franz Kafka war im Sozialismus als Irrationalist geächtet. Worin liegt die politische Sprengkraft seiner Literatur?

Jiří Gruša: Eine wichtige Rolle spielte, dass Kafka ein deutschsprachiger Autor ist. Und dann ist er natürlich sehr enigmatisch. Seine Literatur entzieht sich einer eindeutigen politischen Interpretation. Deshalb galt Kafka zunächst auch nicht als Erzfeind des Kommunismus, er hat schließlich niemals polemisiert. In dieser Hinsicht konnte man ihn anfangs getrost vernachlässigen. Gerade weil Kafka aber nicht dezidiert politisch war, wurde er in den 1960er- Jahren dann so interessant: Die Konferenz von Liblice war ein wichtiger Schritt hin zu einer ideologiefreien Deutung von Literatur. Und das wiederum wurde dann sehr politisch: Die durch Liblice angestoßene Kafka-Rezeption war für die gesellschaftliche Bewegung der nächsten Jahre ausschlaggebend.

Wie erinnern Sie sich persönlich an die Zeit der Liblice-Konferenz und die Stimmung in diesen Tagen?

Gruša: Ich habe daran sehr persönliche Erinnerungen, schließlich wohnte ich in Prag in derselben Wohnung wie mein Schwiegervater Eduard Goldstücker, der Germanist war. Dort fanden alle Beratungen zur Konferenz statt, also habe ich damals alle Teilnehmer der Konferenz gesehen und mit ihnen gesprochen. Es war auch geplant, dass ich die Konferenzbeiträge übersetzen sollte, da kam aber mein Militärdienst dazwischen, und es wurde ein anderer hervorragender Übersetzer gefunden. Man darf aber nicht vergessen, dass Kafka schon von Anfang an ins Tschechische übersetzt worden war, etwa durch Milena Jesenská. In Zeiten des Sozialistischen Realismus spielte Kafka dann natürlich keine Rolle mehr. Die Liblice-Konferenz war also der Versuch der Rehabilitierung eines Dichters, der schon einmal präsent gewesen, aber zwischenzeitlich in den Hintergrund gedrängt worden war. Und weil Kafka zunächst einmal als unideologisch galt, hielten die Genossen da oben auch still, als man in Liblice anfing, sein Werk zu diskutieren. Die hatten ja keine Ahnung, was noch auf sie zukommen würde. Es war tatsächlich beachtlicher Sprengstoff in der Diskussion, das hatte Goldstücker schon sehr klug eingefädelt.

Der Prager Frühling ist also das Resultat einer zunächst literarischen Debatte gewesen?

Gruša: Die Literatur hat in der tschechischen Gesellschaft traditionell eine große Rolle gespielt. Und die Literatur war auch der Ausgangspunkt der politischen Debatte von ’68. Ohne die tschechischen Literaten, ohne Kundera, Kohout, Havel oder mich, wäre die Entwicklung zum Prager Frühling hin gar nicht möglich gewesen.

In Deutschland ist noch nie ein Schriftsteller Präsident geworden. Woher kommt es, dass Intellektuelle in der Tschechoslowakei bis in die Schaltzentrale der politischen Macht vordringen konnten?

Gruša: Die Juristerei in der Politik ist wohl eine deutsche Spezialität. Wir haben uns da eher am französischen Modell orientiert, wo Dichter wie Stendhal in die Diplomatie vorgedrungen waren und Literaten überhaupt eine wichtige politische Rolle spielten. Die moderne tschechische Nation ist wohl eine literarische Leistung. Oder zugespitzt gesagt: Die Tschechen sind eine Erfindung ihrer eigenen Literatur. Dadurch war die Literatur aber immer auch politisch belastet. Insbesondere Kafka hat das genau verstanden. Und weil er auf Deutsch und nicht auf Tschechisch schrieb – den nationalen Bezug in der Literatur also weitgehend vermied –, hat er sich einer politischen Vereinnahmung zuerst auch geschickt entzogen. Ich bin mir sicher: Hätte Franz Kafka auf Tschechisch, das er sehr gut beherrschte, geschrieben, dann hätte er es nie zu diesem weltweiten Ruhm gebracht. Die Enge politische Anbindung der Literatur kann auch ein Fluch sein. Havel, all die anderen und ich – wir wollten ja eigentlich Literaten sein und nicht immer bloß unserem Land dienen. Und dennoch ist es uns passiert, dass wir am Ende in der Politik gelandet sind.

Heute scheinen die Literaten in der Politik auch in Tschechien nicht mehr dieselbe Rolle zu spielen wie früher.

Gruša: Das stimmt. Und einige jüngere Literaten jammern darüber gerne öffentlich. Ich sage denen immer: Seid doch froh, endlich ist es so weit! Man darf nicht vergessen, dass ein Schriftsteller in der Politik auch einen hohen Preis zahlt. Ist er zehn Jahre im Amt, wird er in dieser Zeit kaum etwas schreiben. Wenn aber die Politiker endlich professioneller geworden sind, müssen sie auch nicht mehr unbedingt Schriftsteller sein.

Dann definiert sich die Literatur wieder stärker als Literatur.

Gruša: Was sehr wichtig ist. Die Literatur ist ja auch ein Schutz gegen die Sprache der Nomenklatur. Uneindeutig und daher nicht so leicht zu vereinnahmen. Ganz im Sinne Kafkas also.

Sie haben Ihren politischen Kampf, etwa die Unterzeichung der Charta 77, unter anderem mit einem Publikationsverbot bezahlen müssen. Wenn Sie vor diesem Hintergrund auf die gesellschaftliche Realität des postsozialistischen Tschechien blicken: Hat sich der Einsatz gelohnt – sind die Träume des Prager Frühlings letztlich in Erfüllung gegangen?

Gruša: Kurz vor Weihnachten bin ich von Oberitalien über Slowenien und Wien nach Prag gefahren. Und ich musste nicht ein einziges Mal meinen Pass zücken. Da habe ich gedacht: Ach Gruša – es hat sich doch gelohnt! Mit der Freiheit ist es doch so: Wenn sie frei sind, dann spüren sie es nicht. Wer frei ist, hält das allzu leicht für selbstverständlich.

Wenn deutsche und tschechische Künstler und Kulturschaffende heute gemeinsame Projekte erarbeiten – welchen Stellenwert können solche Kooperationen in einem vereinten Europa und überhaupt einer globalisierten Welt beanspruchen?

Gruša: Durch die Globalisierung sind wir alle kleiner geworden. Und können daher viel besser miteinander kooperieren als vorher. Der Akzent liegt nicht mehr so sehr auf dem Unterschied, nationale Identität ist nicht mehr entscheidend. Heute muss man etwas zu sagen haben und in der Lage sein, sich zu verständigen, dann ist eine kommunikative Symbiose möglich. Zwischen Tschechien und Deutschland hat es solche Symbiosen bereits gegeben, schauen sie nur auf die tschechische Literatur zwischen 1880 und 1945 – die hat ungemein von der Vermittlung durch die Deutschen profitiert. Heute muss es aber grundsätzlich und daher länderübergreifend um Integration gehen: zwischen Tschechien, Deutschland, Polen, Mitteleuropa und so weiter. Ich nenne das immer k. u. k.: kulturelle Komplexität.



Jiří Gruša geboren 1938 im böhmischen Pardubice. Studium der Philosophie und Geschichte in Prag, 1962 Promotion in Philosophie. Seitdem zahlreiche Veröffentlichungen. Mitbegründer der Literaturzeitschriften „Tvář“ und „Sešity“; Arbeit als Journalist, Prosaist, Essayist und Übersetzer (Rilke, Kafka). 1969 Berufsverbot; 1977 Unterzeichnung der Charta 77; 1980 Ausreise in die USA; 1981 Übersiedlung nach Bonn; 1993 tschechischer Botschafter in Deutschland, dann tschechischer Minister für Bildungswesen, Jugend und Sport, tschechischer Botschafter in Österreich; 2004 Präsident des Internationalen P.E.N; seit 2005 Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien. Zahlreiche Ehrungen und Preise. Unter anderem Mitgliedschaft in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Ronald Düker ist Kulturwissenschaftler und Journalist und lebt in Berlin.


Dieser Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte im Mai 2008.


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