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Historisch-kritische Franz Kafka-Ausgabe (FKA)

Von Roland Reuß

Kafka lesen – das war bislang nur mit Abstrichen möglich. Kaum ein Autor sonst hat nämlich derart grobe Entstellungen seiner Texte erleiden müssen wie dieser. Die Geschichte seiner Editionspraxis nimmt ihren Anfang mit Kafkas erstem Herausgeber Max Brod. Dessen unbestreitbare Leistung bestand darin, überhaupt erst eine größere Öffentlichkeit auf den Schriftsteller Kafka aufmerksam zu machen. Und es ist im Rückblick festzustellen, dass ihm diese Popularisierung mit phänomenalem und weltweitem Erfolg gelungen ist. Die Lesefreundlichkeit eines möglichst schlackenlosen Texts, um die es dem Herausgeber Brod dabei ging, wurde aber durch eine entstellende Begradigung der originalen Manuskripte erkauft. Brod unterwarf das Material seinem eigenen Verstehenshorizont und destillierte daraus einen Text, dem der Leser nicht mehr ansehen kann, wo Brod – gleichsam als Interpret oder Co-Autor – eingegriffen hat. Die im Entstehen begriffene historisch-kritische Franz Kafka-Ausgabe (FKA) schafft hier Abhilfe. Es geht ihr darum, die ursprüngliche Bevormundung des Kafka-Lesers durch ungenaue oder begradigte Ausgaben zu beenden und der Kafka-Rezeption die Chance zu ganz neuen Erkenntnissen zu eröffnen.

Die ebenso zuverlässige wie transparente Edition der FKA agiert abseits von Marktinteressen, denn ein breiteres Lesepublikum wird aus Gründen der Bequemlichkeit wohl auch künftig zu anderen Ausgaben greifen. Die FKA hingegen macht den Text im Originalzustand zugänglich und versetzt anspruchsvolle und genaue Leser in den Stand, eigene Schlüsse zu ziehen und den vielschichtigen Produktionsprozess des Autors zu rekonstruieren. Dadurch ergibt sich eine Vielzahl neuer Perspektiven auf Franz Kafkas Werk.

Wie erzielt die Edition eine solche Transparenz? Sie konfrontiert auf jeder aufgeschlagenen Doppelseite die Reproduktion der Handschrift mit einer genauen typografischen Umschrift. Die Transkription soll und will dabei die Handschrift nicht ersetzen, sondern als eine präzise Übersetzung des Geschriebenen verstanden werden, die auch einem besseren Verständnis der zeitlichen Phasen der Entwürfe dient. Die Zuverlässigkeit der Transkriptionen zu überprüfen und eigene Schlüsse aus den Materialien zu gewinnen bleibt dem Leser dank der Abbildung der Manuskripte zu jedem Zeitpunkt möglich.

Bei allen rationalen Überlegungen dürften aber auch die Erfahrungen, die sich in der persönlichen Konfrontation mit Kafkas Schrift gewinnen lassen, kaum zu überschätzen sein: Durch die Faksimilierung, wie sie die FKA leistet, gewinnt man einen Eindruck von der spezifischen Gestalt von Kafkas Handschrift – das Schriftbild jeder Seite besitzt eine eigene Bedeutung, die über den Sinn einzelner Wörter und Sätze hinausgeht. Man kann nun an der Beschleunigung und am Stocken des Schreibprozesses die verschiedenen Zustände der Kafka’schen Inspiration genau verfolgen und gewinnt so die Möglichkeit, sichdem Verständnis der Entwürfe auf eine Weise zu nähern, die zuvor nicht denkbar war. Neben der vollständigen buchtechnischen und elektronischen Archivierung des gesamten Textkorpus und der ortsunabhängigen Zugänglichkeit der Materialien sind es aber vor allem auch konservatorische Gründe, die für eine Faksimilierung der Handschriften sprechen. Die Hefte, die Kafka verwendete, sind schon wegen der schlechten Qualität des Industriepapiers, aus denen sie hergestellt wurden, in ihrem materialen Bestand stark gefährdet. Hinzu kommt, dass Kafka in den Oktavheften ab 1916 – anstelle eines Füllfederhalters, wie bisher – einen weichen Bleistift benutzte, der nur oberflächlich auf dem Papier haftet. Die FKA sieht sich daher in der Verantwortung, mit der Buchausgabe, den CDs und den Publikationen im Internet eine Beschäftigung mit diesen Unikaten zu ermöglichen, die die Materialität, in der sie vorliegen, vor einer weiteren Abnutzung schützt.

Die im Januar 1995 von Roland Reuß und Peter Staengle begonnene Edition ist auf 30 Bände angelegt und erscheint im Frankfurter Stroemfeld Verlag. Sie wird das gesamte überlieferte Werk Franz Kafkas in der beschriebenen Art und Weise verfügbar machen. Nach dem Einleitungsband von 1995, der das Vorgehen der Edition begründete und ihre Verfahrensweise anhand des „Dom“-Kapitels aus dem „Process“ und der Erzählung „Das Urteil“ exemplarisch darstellte, erschien 1997 als erste Lieferung der FKA die umfangreiche Faksimile-Edition des „Process“- Entwurfs.

Es folgten, begleitet jeweils von einer digitalen Version auf CD, „Beschreibung eines Kampfes“, „Die Verwandlung“, die „Oxforder Oktavhefte 1 & 2“, „Ein Landarzt“ und zuletzt die „Oxforder Oktavhefte 3 & 4“. Der bereits 1995 herausgegebene Band „Drei Briefe an Milena Jesenská vom Sommer 1920“ ist der Prototyp der geplanten Briefedition.

Die zu jedem Band erscheinenden „Franz Kafka- Hefte“ enthalten einen detaillierten Editionsbericht, alle Dokumente zur Entstehungsgeschichte, eine forschungskritische Darstellung der bisherigen Editionen, eine Beschreibung der überlieferten Textträger und einen Sachkommentar. Um die getreue Reproduktion der von Kafka verwendeten Quarthefte in Originalgröße zu ermöglichen, wurde für die Ausgabe Großformat gewählt.

Insofern sich Kafka mit den Entwürfen in seinen Schreibheften herkömmlichen Gattungsgrenzen widersetzt, sieht die FKA zudem von einer – zwangsläufig gewaltsamen – Einordnung in traditionelle Schemata ab. Selbst die Trennung in literarische und außerliterarische Texte ist dem Kafka’schen Nachlass unangemessen, da in ihm poetische und tagebuchartige Aufzeichnungen immer wieder ineinander übergehen und sich gegenseitig erhellen. Demgemäß stehen in der FKA die einzelnen Schriftträger im Vordergrund und nicht nachträgliche Ordnungsmuster: Die großen Quarthefte, die kleineren Oktavhefte und die Sammelmappen von Einzelbättern werden je für sich ediert und geben dadurch konkrete Einblicke in Kafkas Arbeitsweise und Schreibprozesse. Kafka lesen – das wird durch die historisch-kritische Ausgabe zu einem ganz neuen Abenteuer. Erstmals kann der Leser dem Autor gleichsam über die Schulter schauen; in ihrer ursprünglichen Fassung erlauben die Texte eine Spurensuche mit vielleicht verblüffenden Ergebnissen.



Roland Reuß geboren 1958 in Karlsruhe, lebt in Heidelberg. Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Musikwissenschaft in Heidelberg. 1990 Promotion über Hölderlin, veröffentlicht bei Stroemfeld / Roter Stern. 1994 Mitbegründer des Heidelberger Instituts für Textkritik. Zunächst Privatdozent an der Universität Heidelberg und dort seit 2007 Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft. Zahlreiche Publikationen.

Peter Staengle geboren 1953 in Heidenheim. Studium der Germanistik und Philosophie in Heidelberg. 1986 Promotion über Achim von Arnim. 1992–1998 wissenschaftlicher Angestellter und Lehrbeauftragter am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg. Mitbegründer unter anderem des Heidelberger Instituts für Textkritik, des Berlin-Brandenburger Kleist-Klubs e. V. und der Internationalen Arnim-Gesellschaft e. V. Seit 1999 lehrt er an der Universität Mannheim. Zahlreiche Publikationen.


Dieser Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte im Mai 2008.


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