Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

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1968|1989 /

 
Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

Prag im Frühling. Berlin im Herbst.
Ein deutsch-tschechisches Kneipenprotokoll

Von Martin Becker und Jaroslav Rudiš

ERSTENS. PRAG IM FRÜHLING.

Das erste Bier wird gebracht. Das zweite Bier wird gebracht. Einige Stunden vergehen.

– Also, wie wollen wir es machen?
– Auf böhmische Art!
– Und wie geht die?
– Wir bestellen Bier, gucken in der Landschaft herum, reden über Gott und die Welt, und morgen früh haben wir eine erste Fassung.
– Was trinkt der Tscheche eigentlich so am Tag?
– Vormittags ein alkoholfreies Bier. Mittags ein kleines Bier. Nachmittags ein alkoholfreies Bier.
Abends ein großes Bier. Als Schlaftrunk den billigen tschechischen Rum.
– Wird schon dunkel! Ist das nicht gefährlich hier in Žižkov, mitten in der Nacht?
– Ach was, Ihr Deutschen habt einfach zu viel Angst. Abends kann ich eh besser schreiben.
Nimm noch ein Bier. Alter böhmischer Trick gegen die Angst.
– Und dann fangen wir an?
– Dann fangen wir an!

Einige Stunden vergehen.


ANSICHTSKARTE AN DEN PRAGER OPERNDIREKTOR

Lieber Operndirektor, wir sind hier in Praha und verbringen die ganze Zeit am Schreibtisch.
Aber es lohnt sich. Die Form der Oper kommt uns sehr entgegen. In nur einer einzigen Nacht haben wir gestern schon zwei Fassungen geschafft. Wir würden nur gerne noch drüber schlafen, bevor wir sie Dir zeigen. Hoffentlich verstehst Du das. Die liebsten Grüße senden Dir JR und MB.

– Ausgerechnet eine Oper. Unter uns, ich würde lieber ein Theaterstück schreiben. Ist leichter. Oder nur eine Kurzoper.
– Ihr Tschechen wollt es immer so leicht wie möglich haben.
– Und Ihr Deutschen müsst aus allem eine mathematische Gleichung machen!
– Aber denk doch an die Musik. Das ist der Reiz. Jeder Ton ein kleiner Sieg. Gegen den Tod. Was wir brauchen, ist eine Oper, wo sie niemand vermutet.

Das fünfte Bier wird gebracht. Das sechste Bier wird gebracht. Nacht. Am nächsten Morgen erwachen beide Autoren aus unruhigen Träumen und entdecken auf dem Nachttisch einen Pilsener-Bierdeckel, auf welchem in sehr kleiner Schrift Folgendes steht:

NOTIZEN I

ORT: SCHMUTZIG. UND HERUNTERGEKOMMEN. NICHT WENZELSPLATZ. NICHT BRANDENBURGER TOR. SONDERN EINE RASTSTÄTTE. IRGENDWO AN DER AUTOBAHN ZWISCHEN BRANDENBURG UND BRNO.
EFFEKT: EINE OPER, WO SIE NIEMAND VERMUTET.
ZEIT: MITTEN IM JETZT. UND IN DER NACHT EIN WUNDER. ODER SOWAS IN DER ART. ELEMENTE: LIEDER. SONGS. AUCH ARIEN. UND MONOLOGE. UND GEREDE.
FIGUREN: SIE MÜSSEN MELANCHOLISCH SEIN. SIE MÜSSEN GESCHEITERT SEIN. SIE MÜSSEN 40 JAHRE ZU SPÄT KOMMEN, UM DIE WELT NOCH ZU RETTEN.
SONGTEXT – VERSUCH EINS: // DIE ÄRA DER SAUFEREI / IST HIER SEIT VIERZIG JAHREN VORBEI / WIR LEBEN IM ZEITALTER DES KATERS / UND DAS ENDE DER ROTEN FAHNENSTANGE / IST LÄNGST ERREICHT //

ZWEITENS. SAUERLAND IM SOMMER.

Das erste Bier wird gebracht. Das zweite Bier wird gebracht. Einige Stunden vergehen.

– Ist wie in Lomnice hier. Schöne Berge. Schöne Stille. Schöne Leere. Land halt. Was denkt wohl
der Sauerländer über den Tschechen?
– Drüben kann man immer noch billig einkaufen. Auf der Karlsbrücke werden Träume wahr. Und
Karel Gott sollte endlich heiraten.
– Hat er! Zum ersten Mal in seinem Leben. In Las Vegas, da waren alle Tschechinnen neidisch.
– Die deutschen Frauen auch.
– Wo war Karel Gott eigentlich 1968?
– Mit Biene Maja im böhmischen Paradies.
– Und woher kommen unsere Leute?
– Von der Autobahn.
– Und wo waren sie vorher?
– Auf der Autobahn.
– Und wohin gehen sie nachher?
– Dahin zurück. Für immer. Wie immer.
– Sehr traurige Vorstellung … irgendwie.
– Nimm noch ein Bier. Alter böhmischer Trick gegen die Schwermut.
– Und dann fangen wir an?
– Dann fangen wir an!

Einige Stunden vergehen.

ANSICHTSKARTE AN DEN PRAGER OPERNDIREKTOR

Lieber Operndirektor, wir sind im Sauerland und haben die Wohnung seit Wochen nicht mehr verlassen. Wir feilen derzeit an der fünften Fassung und bitten um Geduld. Die liebsten Grüße senden Dir JR und MB.

– Wo warst Du denn eigentlich 1968?
– Im Ruhrpott. Im Bergwerk, bei den Kohlen. Und Du?
– Ameisen fangen im böhmischen Paradies.
– Klingt wie ein Märchen.
– Wahrscheinlich geben die Märchen uns Tschechen das, was uns an Größe in der Geschichte fehlt. Aber sie sind nicht so grausam wie die deutschen.
– Die tschechischen Märchen können auch anders. Hab ich Dir mal von Frau Not erzählt? Ein Puppenspiel. Eine alte Frau fährt von Dorf zu Dorf und verwüstet ein Haus nach dem anderen.
Jahrelange Albträume. Manchmal glaube ich, dass ich nur wegen Frau Not mit Schreiben angefangen hab.
– Ein Märchen. Wir müssten eigentlich ein Märchen erzählen.
– Das Märchen von 1968? Die deutsche oder die tschechische Version?
– Unsere eigene.

Das fünfte Bier wird gebracht. Das sechste Bier wird gebracht. Nacht. Am nächsten Morgen erwachen beide Autoren aus unruhigen Träumen und entdecken auf dem Nachttisch eine Wanderkarte des Sauerländischen Mittelgebirges, auf welcher in schwungvoller Handschrift Folgendes steht:

NOTIZEN II

STORY: DER ORT IST EINE ART MOTEL REVOLUTION. ES GIBT EINE BAND, DIE JEDEN
ABEND SPIELT, WEIL DIE JUKEBOX SEIT JAHRZEHNTEN AUSSER BETRIEB IST. EIN SCHILD AN DER TÜR: HERZLICHE EINLADUNG ZUR GROSSEN GEBURTSTAGSFEIER. 40 JAHRE MOTEL REVOLUTION. DIE STAMMGÄSTE: RUDI, REVOLUTIONÄR AUS DEUTSCHLAND, VERKRACHTER KERL. ALEXANDER, REVOLUTIONÄR AUS DER TSCHECHOSLOWAKEI, VERSOFFENER HOCHSTAPLER.
HANDLUNG: DER CRASH. HALBTOT STEHEN PLÖTZLICH ALLE IN DER BAR. DAS JUNGE PAAR. IHR AUTO NUR NOCH SCHROTT. UND DIE BEIDEN ALTEN. DER LKW. ALEXANDER.
RUDI. ZU SPÄT, SAGT DAS ALTE MÜTTERCHEN HINTER DER THEKE, IHR SEID VIEL ZU SPÄT. TOTENTANZ. DAS JUNGE PAAR REIBT SICH DIE DEUTSCH-TSCHECHISCHEN AUGEN. DIE WIRTIN WIRD MELANCHOLISCH. SINGT: // DIE KUNST IST AUCH / SCHON TOT/ WAS BLEIBT IST/ NUR DIE EINSAMKEIT / UND DIE LIEBE //

DRITTENS. BERLIN IM HERBST.

Das erste Bier wird gebracht. Das zweite Bier wird gebracht. Einige Stunden vergehen.

– Unaufhörliche Bewegung. Alles lebt. Das ist Berlin! Hab immer davon geträumt, hier zu sein.
Und bin in Prag gelandet. In einem Museum für Touristen aus Sachsen und aller Welt. Die Stille dort ist manchmal der Tod. Ich wollte immer nach Berlin.
– Ich auch. Schon als Kind. Stattdessen hatte ich Wellensittiche. Meine ganze Kindheit über.
– Mein Gott, Sittiche! Unserer kam aus Bautzen. Und konnte sogar sprechen.
– Deutsch oder Tschechisch?
– Beides. So sollten wir übrigens unsere Oper erzählen!
– Mit Wellensittichen?
– Nicht vom Großen klein erzählen, sondern übers Kleine das Große!
– Versteh’ ich nicht.
– Nimm noch ein Bier. Alter böhmischer Trick gegen die deutsche Begriffsstutzigkeit.
– Und dann fangen wir an?
– Dann fangen wir an!

Einige Stunden vergehen.

ANSICHTSKARTE AN DEN PRAGER OPERNDIREKTOR

Lieber Operndirektor, Berlin ist sehr inspirierend. Wenn wir nicht im Museum sind, sitzen wir am Schreibtisch. Wir wissen, dass Du langsam ungeduldig wirst, aber wir wollen Dir erst Texte zeigen, wenn wir sie wirklich überzeugend finden. 1968 ist schließlich ein schwieriges Thema,
und wir wollen mit unseren deutschtschechischen Beziehungen verantwortlich umgehen. Die liebsten Grüße senden Dir JR und MB.

– Also: Der Sittich zum Beispiel war von einer befreundeten Familie aus der DDR. Der Mann war ein Lokführer bei der Deutschen Reichsbahn. Vor fünf Jahren wurde er selbst von einer Lok überfahren. Seine Frau ist jetzt mit einem Bruder von ihm zusammen. Das ist so eine Geschichte, die ich meine! Nicht 68-89-Historiendramen oder so. Das Kleine erzählen, dann kommt das Große sowieso.
– Lebt wenigstens der Wellensittich noch?
– Nein. Unser Kater hat ihn zu den Ameisen ins böhmische Paradies geschickt.
– Sollen wir uns hier in Berlin nicht lieber mal ein Motto für unsere Oper überlegen anstatt nur über Wellensittiche zu reden?
– Das machen wir doch die ganze Zeit.
– Komm, sag einen sehr tschechischen Satz. Dann sage ich einen sehr deutschen. Daraus machen wir das Motto.
– Okay. Mein Satz ist: Was bleibt, sind die Einsamkeit und die Liebe. Jetzt Du.
– Mein Satz ist: Was bleibt, sind die Einsamkeit und die Liebe.

Das fünfte Bier wird gebracht. Das sechste Bier wird gebracht. Nacht. Am nächsten Morgen erwachen
beide Autoren aus unruhigen Träumen und entdecken auf dem Nachttisch ein Blatt Papier, auf welchem in gut leserlichen Buchstaben ein fertiges Opernlibretto gedruckt ist. Es beginnt so:

EXIT_REVOLUTION_LIBRETTO_ERSTE_FASSUNG_FEBRUAR_2008.DOC:
ERSTE SEITE. BILD EINS. MOTEL REVOLUTION. EINE DEUTSCH-TSCHECHISCHE OPER.
ORT: EINE HERUNTERGEWIRTSCHAFTETE AUTOBAHNRASTSTÄTTE AM TAG IHRES 40. GEBURTSTAGS.
ZEIT: EINE EWIGE NACHT IM SPÄTSOMMER.
PERSONEN: RUDI, EIN DEUTSCHER EXREVOLUTIONÄR. ALEX, SEIN BESTER KUMPEL, EIN TSCHECHOSLOWAKE. SIE HÄNGEN NUR NOCH IN IHREN LKWS ODER AN DER BAR. EIN JUNGES DEUTSCH-TSCHECHISCHES PAAR MIT UNFALL, EINE BAND, DIE SEIT JAHRZEHNTEN SPIELT. EINIGE PROSTITUIERTE. MITTENDRIN DIE ALTERSLOSE WIRTIN. VIELLEICHT FÜNFZIG, VIELLEICHT ACHTZIG, VIELLEICHT GAR NICHTS.
BILD EINS. DIE WIRTIN STEHT HINTER DER BAR. DIE BAND STIMMT IHRE INSTRUMENTE. KEINE MENSCHENSEELE ZU SEHEN. DIE WIRTIN POLIERT DIE GLÄSER. DANN GEHT SIE ZUR TÜR, ÖFFNET, SIEHT SICH UM. KEINER KOMMT. SIE SCHLIESST DIE TÜR, WENDET SICH DER BAND ZU UND RUFT: „SPIELT EIN LIED. WAS UNS NOCH BLEIBT, SIND DIE EINSAMKEIT. UND DIE LIEBE!“
MUSIK.

Im Herbst 2008 erwachen die Autoren eines Morgens aus unruhigen Träumen und entdecken auf dem Nachttisch ein ganzes Prager Theater. Sie stehen schnell auf, machen sich fein und betreten anschließend das kleine Theater, um der Aufführung ihrer Oper zuzusehen.



Martin Becker
geboren 1982 in Attendorn. Studium am Leipziger Literaturinstitut. Hörspiele, Features, Kommentare und Rezensionen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, unter anderem WDR, MDR, SWR und DeutschlandRadio Kultur. Zahlreiche Preise und Stipendien. Im Jahr 2008 Literaturstipendium der Märkischen Kulturkonferenz.

Jaroslav Rudiš
geboren 1972 in Nordböhmen, lebt in Prag. Studium der Geschichte und Germanistik in Prag, Zürich und Berlin. Zwischenzeitlich Lehrer, Brauereivertreter, DJ, Manager einer Punkband. Heute Kulturredakteur der Tageszeitung „Právo“, außerdem Autor von Prosa, Gedichten, Songtexten. 2006 Stipendiat der Stiftung Preußische Seehandlung. Im selben Jahr: das Romandebüt „Der Himmel unter Berlin“ bei Rowohlt Berlin.


Dieser Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte im Mai 2008.


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