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Václav Havel versus Milan Kundera
Ein Streit aus dem „Herbst“ des „Prager Frühlings“

Von Alena Wagnerová

Im allgemeinen Bewusstsein der europäischen Kulturöffentlichkeit endet der Prager Frühling am 21. August 1968 mit dem Einmarsch der fünf Warschauer-Pakt-Staaten. Kaum wahrgenommen wird hingegen, dass der Reformprozess mit diesem Gewaltakt bei Weitem noch nicht zu Ende war. Es begann nur seine zweite dramatische Phase, in der die tschechische Öffentlichkeit verzweifelt um den Erhalt der demokratischen Errungenschaften der ersten Jahreshälfte gegen den kommunistischen Machtapparat kämpfte, der Schritt für Schritt die Reformpositionen aufund sich in die Beugehaft der Moskauer Führung begab.

Diese „Herbstphase“ des Prager Frühlings endete definitiv erst mit der Wahl Gustav Husáks zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees im April 1969. Damit begannen die 20 Jahre der Normalisierung und des realen Sozialismus, die wohl schwerste und hoffnungsloseste Zeit in der tschechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Denn die andere schwere Zeit, die nationalsozialistische Besetzung während des Kriegs, dauerte nur sechs Jahre, und der Feind war klar definiert.

Während sich nach der Ouvertüre des Prager Frühlings, dem Januarplenum der KPTsch, die Reformkräfte in der Partei an die Spitze des neuen Kurses stellten, hatten sich die Fronten nach dem Einmarsch verändert. Die Führung übernahm jetzt die im ersten Halbjahr entstandene, von der Vision der Reformierbarkeit des Sozialismus erfüllte Zivilgesellschaft, die um die Rettung der eigenen Hoffnungen mit der Macht kämpfte und zu der jetzt auch ein Teil der Reformkräfte aus der Partei gehörte. Schon damals begann freilich auch die Debatte über den tieferen Sinn des Prager Frühlings und seinen Platz in der tschechoslowakischen und europäischen Geschichte, die bis heute mit Unterbrechungen geführt wird.

Dabei ist wichtig zu wissen, dass die ganze Reformbewegung in der Kommunistischen Partei durch eine besondere Konstellation in ihrer Mitgliedschaft ermöglicht wurde. Die treibende Kraft der Reformen bildete in der KPTsch die Generation der zwischen etwa 1920 und 1928 Geborenen, für die das Münchener Abkommen 1938 eine absolute Degradierung der Werte der Demokratie bedeutet und sie als junge Menschen in eine tiefe Sinnkrise gestürzt hatte. Auf der Suche nach einer neuen politischen Orientierung fanden sie während des Kriegs den Marxismus als Antwort auf ihre Frage nach einer besseren gesellschaftlichen Ordnung. Und zwar – und das ist das Wesentliche – nicht über die Institution der stalinistischen KPTsch, die sich damals in Illegalität, umzingelt von den Agenten der Gestapo, befand, sondern über die sozialistische Literatur. Ohne Erfahrung mit der Partei und ihren Strukturen bildeten die Angehörigen dieser Generation in den ersten Nachkriegsjahren ihr begeistertes, die Befehle ausführendes Fußvolk. In den 1950er-Jahren begann bei ihnen ein langsamer Prozess der Ernüchterung über die gegebene Form des stalinistischen und poststalinistischen Sozialismus, die Suche nach der Möglichkeit seiner Reform und Erneuerung und die Rückkehr zu den Quellen des Marxismus als einer Befreiungstheorie. Dieser Prozess gipfelte im Prager Frühling und führte wegen seiner Mehrdeutigkeit auch nach seinem Ende immer wieder zu Diskussionen darüber, was eigentlich der Prager Frühling war: eine von der Partei geleitete Reform oder der ernsthafte Versuch, eine wirklich neue Form sozialistischer Demokratie zu verwirklichen, und dazu noch eine, die sich auf die besten demokratischen Traditionen der Ersten Republik stützen würde?

Ganz am Anfang dieser Diskussionen steht die Auseinandersetzung zwischen Milan Kundera und Václav Havel, die das Verhältnis dieser beiden führenden tschechischen Intellektuellen bis heute trübt. Die traditionsreiche Wochenzeitung „Literární noviny“ (Literaturzeitung) erinnerte zu Beginn dieses Jahres an diese Debatte mit dem Abdruck der insgesamt fünf Ende 1968 und Anfang 1969 in „Literární noviny“ (damals unter dem Namen „Listy“) und „Host do domu“ veröffentlichten Artikel von Milan Kundera, Václav Havel und den auf sie reagierenden Philosophen Jaroslav Střítecký und Lubomír Nový. Ergänzt wurden sie noch um den Beitrag von Karel Kosík aus der Aprilnummer der Literaturmonatsschrift „Plamen“, übrigens der letzten Nummer vor dem Verbot.

Dem tschechischen Leser wird damit zum Auftakt des Jubiläumsjahres zweier schicksalhafter Ereignisse der modernen tschechischen Geschichte, des Münchener Abkommens 1938 und des Prager Frühlings 1968, die Möglichkeit gegeben, diese grundlegende Auseinandersetzung selbst in Augenschein zu nehmen und über ihre Aktualität nachzudenken. Dem Chefredakteur Jakub Patočka, der den Abdruck der fünf Artikel mit einem fundierten Essay einführte, ist damit die Anknüpfung an die beste Tradition der Zeitung gelungen. In dem neuen Jahrgang wird jetzt die Debatte mit Beiträgen von Autoren aus dem heutigen intellektuellen Spektrum der tschechischen Gesellschaft fortgesetzt.

Eröffnet wurde der Disput zwischen Havel und Kundera mit Milan Kunderas Artikel „Das tschechische Los“, der in der Weihnachtsnummer von „Literární noviny“ 1968 erschienen war. Kundera sprach darin – nicht ohne patriotischen Stolz – über das Los seines kleinen Heimatlandes in der Mitte Europas und verglich die Mentalitätsunterschiede von kleinen und großen Nationen. „Die großen Nationen“, schreibt er, „haben ihre Existenz und ihre internationale Bedeutung schon durch ihre Bevölkerungszahl garantiert. Sie brauchen sich nicht mit der Frage nach der Berechtigung und dem Grund ihrer Existenz zu quälen, sie sind einfach mit einer erdrückenden Selbstverständlichkeit da.“ Die großen Nationen ruhen nach seiner Meinung in ihrer Größe, von der sie sich oft berauschen lassen und die sie für einen Wert an sich halten. Gemeint, wenn auch nicht ausgesprochen, war damit natürlich die Sowjetunion, die ihre bedrohende Größe den Tschechen gerade vorführte. „Eine kleine Nation dagegen“, fährt Kundera fort, „muss, soll sie in der Welt eine Bedeutung haben, sich täglich neu kreieren. In dem Moment, in dem sie aufhört, Werte zu schaffen, verliert sie ihre Existenzberechtigung, und zum Schluss hört sie vielleicht wirklich auf zu existieren, weil sie zart und leicht zerstörbar ist. Das Schaffen von Werten ist für sie eine Wesensfrage, und darin liegt vielleicht auch der Grund, warum das kulturelle wie auch wirtschaftliche Schaffen kleiner Völker oft intensiver ist als das von großen Reichen.“

Diesen Anspruch, sich als ein kleines Volk auf dem europäischen Feld zu behaupten, hat die tschechoslowakische Gesellschaft nach Kunderas Meinung mit dem Prager Frühling unter Beweis gestellt. Denn der Prager Frühling war nach ihm ein weltbewegendes Ereignis, ein Versuch, „zum ersten Mal in der Geschichte einen Sozialismus zu etablieren, in dem die Geheimpolizei nicht allmächtig ist und die Freiheit des geschriebenen und gesprochenen Wortes garantiert wird; eine Gesellschaft mit einer öffentlichen Meinung, die gehört wird, und einer Politik, die sich darauf stützt, mit einer modernen, sich frei entwickelnden Kultur und Menschen, die keine Angst haben, etwas aufzubauen“. Im Prager Frühling erkennt Kundera einen Versuch, „zu zeigen, welche riesigen demokratischen Potenziale bis jetzt in dem sozialistischen Gesellschaftsprojekt brachliegen und dass diese Möglichkeiten sich nur unter den Bedingungen der Eigenart des jeweiligen Landes entwickeln lassen“.

Wer Kunderas Vorwort zur tschechischen Ausgabe von Apollinaires Werk aus dem Jahre 1965 kennt, weiß, was Kundera damit meint: Die Botschaft der linken künstlerischen Avantgarde, die die sozialistische Revolution mit einer Befreiung der kreativen Kräfte des Menschen verband, mit Glück, Freude und Freiheit. An dieser Möglichkeit, nicht mit euphorischer Naivität, sondern belehrt durch die stalinistischen Deformationen und dogmatischen Vereinfachungen komplizierter gesellschaftlicher Prozesse, will Kundera, ein Realist der Utopie, festhalten. Denn die Utopien sind für ihn nur Idealisierungen der Entwicklungstendenzen, die einer Gesellschaft innewohnen. Und weil sie den tiefsten Bedürfnissen der Menschen entsprechen, können sie nur auf Zeit besiegt werden und leben immer wieder auf. In diesem Sinne ist für Kundera das gewaltsame Ende des Prager Frühlings keine absolute nationale Katastrophe, sondern nur ein, wenn auch schreckliches, „Zwischenergebnis“. Diese These stützte Kundera auf die Behauptung, dass die neue Politik den Konflikt mit der Sowjetmacht aushielt und nicht zusammenbrach, sondern sich nur etwas zurücknahm. Die wichtigsten Errungenschaften der neuen Politik sind erhalten geblieben, der Zusammenhalt der Gesellschaft besteht weiter. In diesem Punkt übersah Kundera freilich, dass es nicht mehr die Partei war, sondern die Öffentlichkeit im Sinne einer Zivilgesellschaft, die an den politischen Errungenschaften des Prager Frühlings festhielt. Nur in der Kategorie einer Zivilgesellschaft zu denken war für jemanden, der wie Kundera damals zwar kritisch auftrat, aber doch innerhalb des Systems stand, kaum möglich. Denn alle bisherigen Änderungen, vom Zwanzigsten Parteitag bis zum Januarplenum als Auftakt des Prager Frühlings, gingen bisher immer von der Partei aus. Dies war auch der einzige Vorsprung im Denken von Václav Havel, der das sozialistische System grundsätzlich ablehnte, also außerhalb stand.

Hier setzte Havel auch seine sarkastische Kritik an Kunderas Artikel an, den er allerdings in seinem Grundanliegen der großen gesellschaftlichen Perspektive nicht verstand und mit dem er sich auch nicht analytisch beschäftigte, sondern ihn nur rhetorisch überfuhr, nicht zuletzt auch um sich als führender Intellektueller des Landes neben Kundera zu profilieren.

Der Prager Frühling war für Havel kein weltbewegendes Ereignis: Die Vorstellung, „dass ein Land, das die Meinungsfreiheit einführen wollte, was in dem großen Teil der zivilisierten Welt selbstverständlich ist, und die Willkür der Geheimpolizei abschaffen, sich deswegen in der Mitte der Weltgeschichte befindet“, war für ihn einfach lächerlich, selbstverliebt und provinziell, vom „tschechischen Los“ zu reden eine Selbsttäuschung. Die Lösung des Problems lag für Havel in der Rückkehr zur Normalität, worunter er die Verhältnisse im westlichen Teil Europas verstand. Die Vision eines demokratischen Sozialismus war ihm fremd, und er hielt sie angesichts einer normalen westlichen Demokratie einfach für ein überflüssiges Experiment.

Sicherlich kam in diesen unterschiedlichen Positionen von Havel und Kundera auch ihre unterschiedliche soziale Herkunft zum Ausdruck. Der Bildungsbürger Kundera, Jahrgang 1929, wurde noch als Gymnasiast von der Welle der Begeisterung für den Sozialismus berührt, die seine etwas älteren Generationsgenossen trug. Der 1936 geborene Havel stammte dagegen aus dem Prager Großbürgertum, erlebte als Kind die soziale Deklassierung seiner Familie und durfte wegen seiner Herkunft nicht studieren. Auf Havels Attacke antwortete Kundera mit einem Artikel, in dem er sich kritisch und systematisch mit Havels Position auseinandersetzte und seine Wertung des Prager Frühlings als eine Zeit, in der „wir wieder unsere eigene tschechoslowakische Politik zu realisieren begannen“, weiter vertiefte. Seine Antwort bildet in ihrer analytischen Klarheit zweifellos den Höhepunkt des Streits, in dem sich Kundera als scharfer politischer Denker erweist. Auf diese Kunderas Erwiderung reagierte Havel – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr.

Die Stärke von Kunderas Position lag unter anderem auch darin, dass er im Unterschied zu Havel kritisch zur Normalität der westlichen Welt stand und ihre Probleme sah: „Havel macht sich keine Illusionen vom Sozialismus, dafür aber darüber, was er ‚die Mehrheit der zivilisierten Welt‘ nennt, als existiere dort jenes Reich der Normalität und als würde es reichen, sich ihm nur anzuschließen“, schrieb er. Angesichts der Erfahrung mit dem Siegeszug des neoliberalen Kapitalismus nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems und nicht zuletzt auch nach dem Desaster des Kriegs im Irak können wir heute viel besser ermessen, wie recht Kundera damals mit seiner Kritik der Illusionen hatte, die sich Havel über die Normalität der westlichen Demokratien machte, und wie öde eine Welt ist, der das Fragen nach dem Sinn einer gesellschaftlichen Ordnung abhanden gekommen ist. Wer – wo auch immer in Europa – beginnt, nach einer politischen Sinnstiftung zu fragen, wird um das Erbe des Prager Frühlings und des „tschechischen Herbstes“ 1968 wohl kaum herumkommen. Denn es ging, wie es der Philosoph Lubomír Nový in seinem abschließenden Beitrag zur Havel-Kundera-Debatte formulierte, 1968 um einen „einzigartigen Versuch, auf die Fragen der modernen Gesellschaft eine zugleich demokratische wie auch sozialistische Antwort zu finden“ und die Politik als die Praxis der Humanität zu verstehen. Auf die Antworten, die heute in einigen Aspekten sicher anders als damals ausfallen würden, kommt es aber letztlich weniger an als auf die Fragen, die zu stellen sind. Darin liegt der lebendige und aktuelle Kern der alten Debatte, mögen auch ihre damaligen Akteure heute andere Positionen vertreten.



Alena Wagnerová
geboren und aufgewachsen in Brno, studierte Biologie, Pädagogik und Theaterwissenschaft. Seit den 1960er-Jahren zahlreiche literarische und publizistische Arbeiten, darunter die Biografie Milena Jesenskás (1994), deren Briefwechsel sie 1996 herausgab. Alena Wagnerová lebt in Saarbrücken und Prag.


Dieser Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte im Mai 2008.


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