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1968/1989 – Umbrüche und Zwischenzeiten

Von Jürgen Danyel

Zur Bilderwelt der „Samtenen Revolution“ in der Tschechoslowakei im Herbst 1989 gehört eine Fotografie, die Prager Studenten beim Malen von Plakaten zeigt. Der Betrachter blickt in einen Seminarraum, auf dessen Boden neben Farbtöpfen die gerade fertiggestellten großformatigen Papierbögen ausgebreitet sind. Alle ziert eine Jahreszahl: 68 und 89 – aus der um 180 Grad im Urzeigersinn gedrehten 68 ergibt sich die 89 und umgekehrt.

99Das von den Studenten gewählte Motiv war weit mehr als eine Spielerei mit Jahreszahlen: In der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen knüpften die friedlichen Proteste gegen das in den Altersstarrsinn verfallene Normalisierungsregime der Tschechoslowakei an den gesellschaftlichen Aufbruch von 1968 an, den der Einmarsch der Sowjets und ihrer Verbündeten am 21. August auf brutale Weise beendet hatte. Ein anderes symbolträchtiges Bild aus den turbulenten Herbsttagen des Jahres 1989: Dubček und Havel standen am 26. November gemeinsam auf dem Balkon des Melantrich-Verlagsgebäudes, unter ihnen eine jubelnde Menschenmenge auf dem Wenzelsplatz. Der aus der Verbannung zurückgekehrte ehemalige Parteichef erlebte diesen Moment als eine Art Déjà-vu und sah sich – so beschreibt es Dubček in seinen Erinnerungen – auf die Tribüne der Maidemonstration von 1968 zurückversetzt. So schien sich der Kreis der Geschichte zu schließen.

So motivierend die symbolische Rückbindung der „Samtenen Revolution“ an den Prager Frühling zunächst auch gewirkt haben mochte – sie erwies sich als eine Illusion. Die ehemaligen Reformer, die mit hohen Erwartungen auf die Bühne des politischen Geschehens zurückgekehrt waren, wurden schon bald sehr einsam. Die postkommunistische Gesellschaft verlor schnell jeden Appetit auf weitere sozialistische Experimente. Im gleichen Maße, wie der tragisch gescheiterte Versuch von 1968 in der politischen Einöde der Normalisierungszeit zum Mythos und zur offenen Rechnung zugleich geworden war, geriet er nun schrittweise in Vergessenheit.

Insofern war das Bild der Jahreszahl auf dem Studentenplakat durchaus trügerisch. Es erweckte nicht nur den falschen Eindruck, dass man erneut an die Ideen von 1968 anknüpfen könne, sondern ließ auch die Geschehnisse der Zwischenzeit seltsam unwirklich erscheinen. Als ob die tschechoslowakische Gesellschaft in diesen Jahren in eine Art Gefrierzustand versetzt worden wäre. Tatsächlich empfanden viele, die im Herbst 1989 politisch aktiv wurden, einen starken Kontrast zwischen der einstigen Erstarrung und dem atemberaubenden Gefühl einer sich überschlagenden Entwicklung. „Das war eine totale Explosion der Zeit“, erinnerte sich der Schriftsteller Jáchym Topol.

Und doch war in der „bleiernen Zeit“ zwischen 1969 und dem Kollaps des Regimes Entscheidendes passiert: Die tschechoslowakische Gesellschaft hatte sich innerlich schon lange vor 1989 vom Kommunismus verabschiedet. Und dieser Abschied schloss die Utopien von 1968 mit ein. Auch ein Gorbatschow konnte dies nicht mehr rückgängig machen, als er den Prager Frühling für seinen letztlich überschätzten Kurs in Anspruch nahm: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Hinzu kam, dass der Rückbesinnungsrausch der „Samtenen Revolution“ nicht vergessen machen konnte, dass der Prager Frühling nicht bloß von sowjetischen Panzern niedergewalzt, sondern schließlich auch von den Reformern um Dubček im Stich gelassen worden war. Die von den Sowjets aus der Not geborene Strategie erwies sich für die Tschechoslowakei als psychologisch verheerend: Da sich nicht genügend Moskautreue für eine Putschregierung zusammenfanden, mussten die Reformer selbst für faule Kompromisse und schließlich den Rückzug einstehen. Der Student Jan Palach wollte 1969 mit seiner Selbstverbrennung gegen die allgemeine gesellschaftliche Lethargie angehen.

In anderer Hinsicht aber überzeugt die Chiffre 68 / 89: Wie schon während des Prager Frühlings zog die Hauptstadt Prag und mit ihr das ganze Land 1989 erneut die Blicke der Welt auf sich. In der Mitte Europas brummte wieder einmal Geschichte. Nur standen diesmal die ehemaligen staatssozialistischen Nachbarn nicht abseits. Sie mischten kräftig mit in der Konkurrenz um die eindrucksvollsten Medienbilder von friedlichen und fantasievollen Protesten und niedergerissenen Zäunen. Wie 1968 kamen Polit- und Kulturtouristen scharenweise aus Ost und West, weil sie an diesem spektakulären und überraschenden Umbruch teilhaben wollten. Nur die fallende Berliner Mauer konnte Prag noch den Rang ablaufen. Wobei auch der Mauerfall nicht unerheblich von Prag aus beeinflusst worden war.

Die Zäsur von 1989 und der mit ihr verbundene Zusammenbruch des Kommunismus haben die Perspektive auf die Bewegungen von 1968 entscheidend verändert. Dies gilt gleichermaßen für Ost und West. Mit den Erfahrungen von Okkupation, Normalisierung und Zusammenbruch im Rücken hatte auch der Prager Frühling seine historische Unschuld verloren. Selbst diejenigen, die nicht in die nach 1989 verbreitete Rede vom „Ende der Geschichte“ einstimmen wollen, können das nicht bestreiten. Naive Umkehrversuche waren und sind nicht mehr möglich, nationale Nabelschauen noch viel weniger.

Wer 1968 durch die Brille von 1989 betrachtet, denkt zugleich in einem größeren Zeitrahmen Schließlich hat der Prager Frühling eine lange Vorgeschichte mit vielfältigen sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Facetten. Zu diesen gehört die inzwischen legendäre, von Eduard Goldstücker und seinen Prager Germanistenkollegen 1963 organisierte Kafka-Konferenz im Schloss von Liblice ebenso wie die vorauseilende Blüte von Theater und Film oder die kleinen und großen Frechheiten der Schriftsteller. Zu diesen gehört das neue Selbstbewusstsein der Kinder des Sozialismus, die nach den Durstjahren von stalinistischer Massenmobilisierung, Bürgerkrieg und Tonnenideologie ein wenig moderner, individueller und besser leben wollten und den Blick deshalb nach Westen richteten.

1 Zu diesen gehören die Beatles-Filme in Prager Kinos, die rock ’n’ rollenden Jugendsünden von Karel Gott, der im Lucerna-Kulturpalast den Elvis gab und „Paint it black“ von den Rolling Stones coverte, und der Kult um Allen Ginsberg, der schon 1965 die Tschechoslowakei besuchte und zum König des Majáles gewählt wurde. Die neue Politik der Reformer um Dubček, Šik, Smrkovský, Mlynář und andere traf auf eine veränderungsbereite Gesellschaft. Sie ließ sich auch dann nicht mehr zähmen, als das zensurbefreite Treiben in den Massenmedien oder auf den Theaterbühnen selbst manchem Reformer zu bunt wurde. Was Leonid Breschnew in dieser Sache dem tschechoslowakischen KP-Chef – „Alexander Stepanowitsch, wir müssen dringend miteinander reden“ – in einer Mischung aus Drohung und Bitte ins Ohr flüsterte, wissen wir dank eines dokumentierten Telefonats der beiden vom 13. August 1968.

So einschneidend der Einmarsch vom 21. August 1968 war, sollte man auch den Blick für Kontinuitäten hinter der Zäsur nicht verlieren. Es dauerte gut ein Jahr, bis es den Besatzern und den einheimischen Moskowitern gelang, die durch den Prager Frühling entfesselte Gesellschaft wieder in die Zange zu nehmen. In dieser Zeit wurden viele Reformvorhaben im Stillen weitergeführt, kritische Bücher und Filme erblickten noch das Licht der Öffentlichkeit. Schließlich gelang es den Restauratoren der kommunistischen Herrschaft unter dem vom Saulus zum Paulus gewandelten Husák nur mit einem Großaufgebot staatlicher und polizeilicher Gewalt, die Verhältnisse in den Griff zu bekommen. Die landesweiten Proteste am ersten Jahrestag der Invasion wurden 1969 zur Probe aufs Exempel. Es folgte eine beispiellose Säuberungswelle in Partei und Gesellschaft, die den abgesetzten Parteichef zum Forstarbeiter und kritische Intellektuelle reihenweise zu Heizern, Pförtnern und Fabrikarbeitern machte. Die kritischen Geister verließen in Scharen das Land, so sie sich nicht schon unmittelbar nach dem Einmarsch ins Ausland abgesetzt hatten. Den Tschechen und Slowaken blieb nur der schwache Trost, dass sie den verhassten Sowjets zumindest im Eishockey eine Niederlage bereiten konnten.

Aber auch das neue Regime konnte nicht hinter bestimmte Entwicklungen zurückgehen, die in den 1960er-Jahren ausgelöst und in den wenigen Monaten des Prager Frühlings beschleunigt worden waren. Die „Normalisierung“ der Situation war nicht ohne Zugeständnisse zu haben. Dem trug das Regime mit sozialpolitischen Geschenken Rechnung: Ausgelöst durch den grenzüberschreitenden Modernisierungsschub war die Bevölkerung in ihren Freizeitinteressen und Konsumbedürfnissen anspruchsvoller geworden, und der Staatssozialismus ließ sich von nun an auf einen Wettbewerb ein, in dem der Westen die Maßstäbe setzte. Der Verzicht auf politische Rebellion sollte diesem ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag zufolge mit Konsum, Unterhaltung und privaten Nischen aufgewogen werden.

32Die im Vergleich mit den sozialistischen Bruderländern starke Verwestlichung der Tschechoslowakei zeigte sich besonders in den alternativen Jugendkulturen. So hatten auch die Tschechen ihre Swinging Sixties, in denen sich der aus dem Westen importierte Rock ’n’ Roll, Flower-Power und die neuen Modestile durchsetzten. Eine der eindrucksvollen Fotografien von Josef Koudelka aus der Zeit des Prager Frühlings lässt den Betrachter in die Gesichter einer Gruppe junger Mädchen schauen, die sich als Blumenkinder in den Demonstrationszug zum 1. Mai 1968 gemischt hatten. Der Prager Wenzelsplatz verwandelte sich an den Wochenenden in eine riesige Tauschbörse für Schallplatten aus dem Westen. Diese kulturelle Entwicklung war nun nicht mehr rückgängig zu machen.

4So behielt Rockmusik auch nach dem gewaltsamen Ende der Liberalisierung ihre subversive Kraft und wirkte im Underground der 1970er- und 1980er-Jahre weiter. Staatliche Versuche, diese Subkultur zu domestizieren, erwiesen sich zumeist als kontraproduktiv. Längst war in der Tschechoslowakei eine lebendige Musikszene gewachsen, die sich an den Velvet Underground, Frank Zappa, den Doors, Eric Burdon, Jimi Hendrix oder den Grateful Dead orientierte. 5Den Auslöser für die Gründung der Charta 77 bildete 1976 die Verhaftung von Mitgliedern der psychedelischen Band Plastic People of the Universe und der Gruppe DG 307, die das Regime mit hohen Haftstrafen und einer beispiellosen Diffamierungskampagne mundtot zu machen suchte. Als die in der Tschechoslowakei geradezu kultisch verehrte Sängerin Nico 1985 auf der Durchreise von Ungarn nach Deutschland zwei geheime Konzerte in Prag und in Brno gab, versetzte dies die alternative Szene in Aufruhr und staatliche Stellen in Panik. Der Anteil, den die Rockmusik letztlich am Zusammenbruch des kommunistischen Regimes hatte, ist kaum zu überschätzen.

Im Blick auf die boomende Erinnerung an 1968 zeigt sich aber, dass die 68er-Bewegungen im Westen und diejenigen des Ostblocks noch immer getrennt betrachtet werden. Rückblicke auf die Studentenproteste in Paris, Berlin oder Berkeley oszillieren zwischen selbstgefälligen Schwärmereien der Protagonisten über ihre einstige Unangepasstheit und einem konservativen Rollback, das 1968 für die Wurzel aller gegenwärtigen Übel hält – vom Zerfall der Werteordnung bis zur Auflösung der Familie. Demgegenüber gehen die Tschechen merkwürdig unentschlossen mit ihrem ’68 um.

6 Diese getrennten Erinnerungsmuster übersehen viele Gemeinsamkeiten der Entwicklungen in Ost und West. Zwar enthält manches der pünktlich zum Jahrestag erscheinenden Bücher ein Alibikapitel zum Prager Frühling, von einer transnationalen Perspektive kann jedoch kaum gesprochen werden. Dabei blickten die tschechischen Studenten, die der Motor des Prager Frühlings waren, nach Paris und Berlin: Die Rituale und Symbole des Protests bewegten sich zwischen den durchlässiger gewordenen Grenzen. Und die Geschichte der direkten Begegnung zwischen den Protagonisten beider Bewegungen ist durchaus aufschlussreich: Müde von den politischen Querelen im SDS fuhr Rudi Dutschke Ende März 1968 mit Freunden nach Prag, um mit tschechischen Studenten der Karlsuniversität zu diskutieren. Das deutsche Magazin „Konkret“ zeigte den Studentenführer in seiner Maiausgabe von 1968 gut gelaunt vor der Kulisse des Altstädter Rings und wusste zu berichten, dass Dutschke in Prag da rauf verzichtete, seine „rhetorische Überlegenheit“ ins Feld zu führen, und sich um ehrliche Antworten bemüht habe, Missverständnisse ausräumen wollte und Unsicherheiten eingestand.

Einer seiner tschechischen Gesprächspartner, der Doktorand Milan Hauner (er schrieb eine Arbeit über die westdeutsche Studentenbewegung), hielt die denkwürdige Begegnung seinerzeit für die Zeitschrift „Student“ unter dem Titel „Der rote Rudi in Prag“ fest. Dutschkes Auskünfte und Notizen über seine persönlichen Erfahrungen und die direkte Begegnung mit dem Prager Frühling zeigen, dass er sich ein Zusammengehen der Studentenbewegungen in Ost und West vorstellen konnte und daraus neue politische Hoffnung schöpfte. Dies unterschied ihn schließlich von der Mehrheit der damaligen westdeutschen Linken, die hinter dem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ eine Liberalisierung hin zum Kapitalismus witterten und denen Mao oft wichtiger war als Dubček oder ihre Prager Kommilitonen. Wie wir aus den Erzählungen über viele andere solcher Kontakte wissen, war die Beziehungsund Wahrnehmungsgeschichte der politisch bewegten Studenten in Ost und West eben auch eine Geschichte von Missverständnissen und unterschiedlichen Erwartungen. Dennoch wirkten einige dieser Begegnungen aus dem Jahre 1968 nachhaltig und überdauerten die neue politische Eiszeit nach dem Einmarsch der Sowjets in Prag. In den Beziehungsnetzwerken der tschechoslowakischen Opposition und Emigration fanden sie ihre Fortsetzung. Im Mai besuchten Prager Studenten den angeschossenen Rudi Dutschke in Berlin im Krankenhaus. Diese und viele andere deutsch-tschechische Geschichten um 1968 und seine Folgen verdienen es, erzählt und erforscht zu werden.

Und dennoch: Mit dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings wurde die kulturelle Entfernung zwischen Ost und West größer, auch erlahmte die westliche Neugier auf das Nachbarland. Über 20 Jahre sollten vergehen, bis sich das wieder änderte. Die dadurch entstandenen weißen Flecken und Leerstellen zu tilgen muss der Anspruch einer Beschäftigung mit diesem Thema sein. Die Langzeitwirkungen von 1968 im deutsch-deutsch-tschechischen Kontext kommen in der gegenwärtigen Erinnerungskultur noch viel zu kurz.



Jürgen Danyel
geboren 1959 in Mariánské Lázně. Studium der Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1987 Promotion. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für deutsche Geschichte im Forschungsschwerpunkt „Zeithistorische Studien“ und seit 1996 am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung. Bis 2004 Redaktionsmitglied der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“. Darin und in Sammelbänden zahlreiche Publikationen.


Dieser Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte im Mai 2008.


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