30.05.2008, Akademie der Künste, Berlin
Eine lange Nacht zwischen ’68 und ’89. Ehemalige Protagonisten, Historiker und Künstler beschwören den Geist der Revolte. In Prag und Berlin, Ost und West. Dabei stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang dieser beiden historischen Zäsuren. Stehen ’68 und
’89 im Verhältnis einer erfüllten oder einer verratenen Utopie zueinander? Was ist von den Träumen geblieben? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gab es zwischen Ost und West? Mit Diskussionen, Performances, Konzerten, Filmen und Lesungen wurde das ganze Haus bespielt. Durch einen Gang entlang der verschiedenen Programmpunkte blieb es dabei dem Besucher überlassen, sich einen ganz persönlichen 68/89-Themenabend zusammenzustellen.
Ein „Reenactment“ des Studententreffens Prag – Berlin 1968 brachte die Aktivisten von damals in einer Gesprächsklausur wieder zusammen. Mit dem „Kabinett Topol“ installierten sich die „Kinder von 1968“ im Foyer der Akademie als quasi privater Debattierklub. Das Performanceprogramm umfasste eine neue Arbeit des Konzeptkünstlers Jiří Kovanda, eine soziale Skulptur des performancereviewcommittee (prc) und eine Preview des Stücks „Nico. Sphinx aus Eis“. Ein Konzert der legendären The Plastic People of the Universe und ein umfangreiches Dokumentarfilmprogramm komplettierten die Auftaktveranstaltung des Projekts „68/89 – Kunst.Zeit.Geschichte.“
An den Begegnungen des Abends waren beteiligt:
der Bürgerrechtler, Publizist und ehemalige Außenminister der Tschechoslowakei Jiří Dienstbier, der Schriftsteller Jáchym Topol, der Theaterregisseur Oliver Sturm und die Musikerin Soap&Skin, der Schriftsteller und Diplomat Jiří Gruša, der Filmemacher und ehemalige Studentenaktivist Štěpán Benda, der ehemalige französische Premierminister Lionel Jospin, der Historiker Milan Hauner, der Literaturkritiker und Publizist Jiří Peňás, der Essayist, Herausgeber und ehemalige Dissident Adam Michnik, die Akteure von performancereviewcommittee, die ehemalige Europaabgeordnete und Gründungsmitglied der Grünen Eva Quistorp, der bildende Künstler und Illustrator Juraj Horváth, der Sozialphilosoph Oskar Negt, der Politikberater und ehemalige ASTA-Vorsitzende Jürgen Treulieb, der Übersetzer und Literaturagent Edgar de Bruin, der Bürgerrechtler und 68er-Aktivist Václav Trojan, der Konzeptkünstler Jiří Kovanda, die Übersetzerin und Kulturvermittlerin Eva Profousová, der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, der Schriftsteller, Rebell und Freund des Lumpenproletariats Harry Hass, der Schriftsteller und Royalist Petr Placák, der bildende Künstler Till Exit, der Regisseur und Kameramann Miroslav Janek, der Bundespolitiker und Zeitzeuge Gert Weisskirchen, die Pädagogikprofessorin und ehemalige Studentenaktivistin Jana Kohnová-Holubová, der Komponist und Sounddesigner Gerd Bessler, der Publizist und Übersetzer Richard Szklorz, der bildende Künstler und Kartograf Zbyněk Baladrán, der Senator und ehemalige Europaabgeordnete Luděk Sefzig, der Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Zdeněk Zbořil, die Schriftstellerin und Übersetzerin Milena Oda, der Verleger Viktor Stoilov, der Literaturwissenschaftler und ehemalige Studentenaktivist Peter Steiner u.va.
Die Themennacht CROSSING 68/89 war der Auftakt des zweijährigen Zipp-Projekts „68/89 – Kunst.Zeit.Geschichte.“, das einen multiperspektivischen Ansatz verfolgte und Historiker, Dramaturgen und Künstler aus Ost und West zusammenbrachte. Ausgangspunkt war der „Prager Frühling“, der als Teil der sozialen Aufbruchsbewegungen der späten 1960er-Jahre sowie in seinen langfristigen Wirkungen bis zum Zerfall des Kommunismus 1989 betrachtet wurde.
Zur Auftaktveranstaltung erschien das erste Journal „CROSSING 68/89“ der vierteiligen Reihe zum Projekt. Es widmet sich den kulturellen Transfers zwischen West und Ost in den 1960er- und 1970er-Jahren, den gegenseitigen Einflüssen und dem Austausch sowie den persönlichen Begegnungen über den Eisernen Vorhang hinweg.
Eine Veranstaltung von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, in Zusammenarbeit mit sophiensaele Berlin, dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, dem Deutsch-tschechischen Gesprächsforum und der Akademie der Künste Berlin.
Programm | Bilder
Die Kinder des Jahres 1968 (pdf)
Ein Essay von Jiří Peňás
Ich weiß nicht, ob es besonderen Grund zum Stolzsein gäbe, wenn wir tatsächlich die „Kinder des Jahres 1968“ wären. Wir – ein, zwei Jahre über die 40 hinaus – sind jedoch überwiegend Kinder unserer Eltern, wobei jeder, soweit ich weiß, jeweils andere Eltern hatte. Das Jahr 1968 haben wir aus der Insektenperspektive verfolgt. Den Machtantritt von Dubček kriegten wir, glaube ich, gar nicht mit. Den Prager Frühling erkannten wir an der größeren Anzahl von Regenwürmern, die wir uns in einem unbeobachteten Moment ins Mäulchen stopften.
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Das große Abenteuer – auf Rollen. Die Ereignisse des Jahres 1968 aus der Rollerperspektive (pdf)
Ein Essay von Jáchym Topol
Die Kinder von 68, heute Bürger mittleren Alters, sprangen eines Morgens aus ihren Bettchen und auf ihre Roller, aber da war nichts, wo sie hätten hinfahren können, überall in den Straßen und auf den Plätzen in der sommerlichen Tschechoslowakei des Jahres 1968 gab es Panzer, sowjetische – aber wir sagten natürlich russische – Panzer. Der Russe hatte uns überfallen, das ging von Mund zu Mund, ich erinnere, wie wir mit meinem Bruder und meiner Mutter in den endlosen Schlangen auf der Leninova gestanden sind, heute heißt sie selbstverständlich Evropská. Man stand an für Brot, Mehl, Zucker und so weiter, den hocherregten älteren Menschen um uns herum war klar, der Krieg hatte begonnen.
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Abendprogrammhefte #01 – #08 (pdf)
Informationen und Hintergrundtexte zum Themenabend CROSSING 68/89.
Die Abendprogrammhefte hielten umfangreiche Hintergrundinformationen zu den einzelnen Programmpunkten für die Besucher des ersten Themenabends CROSSING 68/89 bereit.
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CROSSING 68/89, Magazin #1 (pdf)
Anlässlich der Themenabende erschienen in loser Folge neben den gleichnamigen Printjournalen Download-Magazine. Essays, Zeitdokumente, Notizen und Bilder wurden aneinandergereiht, auf historisch-wissenschaftliche Aufbereitung wurde bewusst verzichtet.
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