Regie: Oliver Sturm
Musikalische Leitung: Gerd Bessler
Bühne: Till Exit
Video: Marcel Weber
Dramaturgie: Jan-Philipp Possmann
Mit: Gerd Bessler, Alexander Christou, Birgit Doll, Harry Hass, Irm Hermann, Annika Hofestädt, Stephen Jaco, Effi Rabsilber, Kenneth Spiteri und Soap&Skin (Anja Plaschg)
Bilder der Aufführung hier.
„Nico. Sphinx aus Eis“ setzte sich mit einer der widersprüchlichsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts auseinander: Nico, die am 16. Oktober 1938 unter dem bürgerlichen Namen Christa Päffgen geboren wurde und nicht nur als Fotomodell und Andy Warhols Muse, sondern auch als Sängerin von Velvet Underground und Gothic Queen berühmt geworden ist. Ihr Leben in fließenden Maskierungen und flüchtigen Identitäten, ihr Schwanken zwischen Glamour und Todessehnsucht, zwischen Mythisierung und Selbstverlust ist Thema eines Theaterstücks des Autors und Schauspielers Werner Fritsch (erschienen 2004 bei Suhrkamp), in der Inszenierung des Regisseurs Oliver Sturm.
Oliver Sturm beabsichtigte – anknüpfend an seine Experimente mit Samuel Becketts ‘Theater des Bewusstseins‘ – eine spezifische Form der Ich-Fremdheit herauszuarbeiten und dafür eine klare Dramaturgie der Trennungen zu entwickeln. Der Abend war angelegt als ein mediales Crossover zwischen Schauspiel, Pop-Konzert und bildender Kunst. Gemeinsam mit dem Künstler Till Exit – mit dem Sturm schon erfolgreich bei seinem Beckett-Abend RESIDUA (2006) zusammengearbeitet hat – wurde ein szenisches Modell entwickelt, das sich an die von Andy Warhol in der „Factory“ geprägte Ästhetik des Hyperrealismus anlehnte. Wie an jenem legendären Ort der New Yorker Kunstszene sollen Wort, Musik, Style, Kunst und Nicht-Kunst zusammenkommen in einer Simulation von Pop. Werner Fritschs Monolog hat in seiner rauschhaften Bilderflut die Qualität eines LSD-Trips, und die Inszenierung wird dem Fluss des Textes in einer gleichwohl strengen Komposition assoziativ folgen.
Das Besondere des Abends lag in der Konfrontation höchst gegensätzlicher ästhetischer Codes, die sich in der ungewöhnlichen Konstellation der beteiligten Künstler manifestierte. Fritschs literarischer Monolog wurde von der Schauspielerin (Birgit Doll) gesprochen, die am Burgtheater und am Volkstheater in Wien seit 1990 große Frauenrollen wie u.a. Ibsens Nora und Hedda Gabler gespielt und mit namhaften Regisseuren wie Ingmar Bergmann zusammengearbeitet hat. Ihr entgegen stand, Verkörperung der jungen Nico, die Sängerin Soap&Skin (Anja Plaschg). Als weiterer Musiker trat Alexander Christou auf. Die Schauspieler Effi Rabsilber und Stephen Jacob spielten eine Paar wie aus einem Andy-Warhol-Film. Ein Model trat als Allegorie der reinen Schönheit auf. Der Poet und Ex-Junkie Harry Hass hielt einen improvisierten Monolog über den Tod. Die musikalische Leitung hatte der Komponist Gerd Bessler, der mit Robert Wilson und Tom Waits ALICE und BLACK RIDER in Hamburg herausgebracht hat.
OLIVER STURM (Regie)
ist promovierter Literaturwissenschaftler und war in den neunziger Jahren Ballettdramaturg an der Deutschen Oper am Rhein und der Deutschen Oper Berlin. Als freier Regisseur hat er Hörspielproduktionen für die ARD (darunter „Jeff Koons“ und „Durchgangsverkehr“) erarbeitet und in Krakau, Berlin, Tel Aviv und Heidelberg Stücke von Samuel Beckett inszeniert. Mit seinem Hörspiel „Immer dein, tuissimus“ trat die ARD 2007 beim Prix Italia an.
GERD BESSLER (Musikalische Leitung)
ist Komponist, Sound-Designer, Multi-Instrumentalist. Nach seinem Musikwissenschafts-studium in Frankfurt am Main – insbesondere der Elektronischen Musik bei Prof. Ulrich Engelmann – ließ sich der gebürtige Frankfurter 1978 als freiberuflicher Musiker für Film, Theater und Hörspiel in der Nähe von Hamburg nieder. Seitdem hat er in fast unzählbaren Produktionen mitgewirkt: am Wiener Burgtheater und bei den Wiener Festwochen, am Maxim Gorki Theater, an der Schaubühne und am Deutschen Theater in Berlin, an den Münchner Kammerspielen. Er hat Produktionen von Regisseuren wie Robert Wilson, Luc Bondy, Karin Beier und Jan Schütte begleitet, ist auf CDs mit Otto Sander, Tom Waits und Philip Glass zu hören. 2003 erhielt Gerd Bessler den ARD Hörspielpreis der Akademie der Künste in Berlin.
SOAP&SKIN / Anja Plaschg (Musikerin)
Unter dem Namen Soap&Skin komponiert die Musikerin seit 2005 eigene Stücke, die sich zwischen Klaviervirtuosität und Laptop Sensibilität bewegen und von ihrer ätherischen, fast zerbrechlich wirkenden Stimme getragen werden: Pop-Elegien von großer Intimität und schöner Traurigkeit. Nachdem sie sich 2006 entschlossen hatte, die grafische Schule in Graz abzubrechen, folgte ihr Umzug ach Wien und ein Pro-forma-Kunststudium. Anonym verschickte Soap&Skin dennoch weiterhin ihre Musik an verschiedene Labels. Mit 16 gab sie ihr erstes Konzert in einem Wiener Club, zahlreiche weitere Konzerte folgten. SOAP&SKIN gilt als Österreichs next „Wunderkind“ (taz). Ihr Debütalbum erschien Anfang 2009.
BIRGIT DOLL
ist eine österreichische Schauspielerin und Regisseurin. Sie studierte nach dem Abitur Germanistik und Theaterwissenschaft und absolvierte das Max-Reinhardt-Seminar für Schauspiel. 1976 gab sie ihr Debüt am Salzburger Landestheater. Sie wirkte ferner an folgenden deutschsprachigen Bühnen: Salzburger Festspiele, Theater in der Josefstadt, Volkstheater (Wien), Burgtheater, Schauspielhaus Zürich, Schillertheater (Berlin), Bayerisches Staatsschauspiel, Ernst-Deutsch-Theater. Sie arbeitet mit Ingmar Bergman, Maximilian Schell, Hans Gratzer, Hans Lietzau, Otto Schenk und Achim Benning zusammen. Birgit Doll übernahm auch zahlreiche Rollen im Fernsehen und im Film.
TILL EXIT (Bühne)
studierte von 1989 bis 1995 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seit Mitte der neunziger Jahre ist er als bildender Künstler durch Rauminstallationen insbesondere in Großbritannien und Deutschland bekannt geworden. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen die Installation FLOOD (1994, bei Alternative Art London), die Raumarbeiten BEYOND I + II (1995, heute in der Sammlung der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig), die Installationen ARCHIV (1997, Städtische Kunstsammlungen Zwickau), VIER MODULE (2000, Auftragsarbeit der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages) und STRAHLUNG.EN (2002, Matt’s Gallery London). In den vergangenen drei Jahren schuf Till Exit mehrere Videoarbeiten, STRUCTURE IX und EMIGRANT (2003), LICHTER (2004) und MOVE 1-5 (2005) bei i-cabin, London. Neben seiner künstlerischen Arbeit unterrichtet er am Chelsea College of Art and Design London.
JAN-PHILIPP POSSMANN (Dramaturgie)
studierte Theater- und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitete als Regie- und Dramaturgieassistent u.a. bei Cordula Trantow, Anna Huber, am TAT, Frankfurt am Main, der Oper Frankfurt und dem Hebbel Am Ufer. Mit dem Produzentenverbund postproduktion inszenierte er seit 1999 mehrere Theaterperformances. Als Dramaturg und Produzent arbeitete er u.a. mit Rimini Protokoll, Christoph Winkler, David Weber-Krebs, WILHELM GROENER, Oliver Sturm, EMT/Oliver Augst und dem Schweizer Autor Peter Weber zusammen. Von 2005 bis 2007 kuratierte und leitete er das internationale Performance Festival Plateaux am Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main. Er ist Festivaldramaturg der Internationalen Schillertage am Nationaltheater Mannheim und war Dramaturg der Sophiensaele für die Spielzeit 2007/2008.
Ein Projekt von Oliver Sturm, eine Produktion von Sophiensaele im Rahmen des Zipp-Projekts „68/89 - Kunst.Zeit.Geschichte.“ Gefördert aus Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin – Senatsverwaltung – Kulturelle Angelegenheiten und des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.
Ikone der Hoffnung. Zu Werner Fritschs 'Nico. Sphinx aus Eis' (pdf)
Ein Essay von Thomas Irmer
Die historische Nico kam 1988 bei einem Fahrradsturz, der durch einen Herzinfarkt verursacht wurde, auf Ibiza zu Tode. Sie hatte sich von ihrer Heroin-Sucht befreien können – gegen die Fehldiagnose der Ärzte, die ihre schwere Kopfverletzung nicht richtig einschätzten, war sie nicht gefeit. Vermutlich hat sie noch mehrere Stunden im Koma gelegen, und genau dieses anzunehmende Bewusstseinszwischenreich zwischen Leben und Tod ist der Ort dieses Monologs.
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Theaterprojekt: Nico - Sphinx aus Eis (pdf)
Eine Projektskizze von Oliver Sturm
(...) Unsere kollektive Erinnerung an die sechziger Jahre ist gesättigt von Fotografien, Filmschnipseln, Melodien und ikonographischen Abbildungen. Unsere Geschichtswahrnehmung bildet sich immer in der Spannung zwischen isolierten Ereignissen und ihrer ikonographischen Verfestigung und der Idee des historischen Kontinuums, eines Voranschreitens und ständigen Verwandelns von Strukturen heraus. Umso mehr beim '68 - einem historischen Moment, das bereits so reich ist an Inszenierungen, dem Spiel mit historischen Referenzen und der Lust an der glänzenden Oberfläche.
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Plakat (pdf)
Vorstellung in den Sophiensaelen, Berlin